Samstag , 26. September 2020
Er hat allen Grund zur Freude: Sein Abitur hat Tarek Taha mit der Note 1,7 bestanden. Foto: t&w

Die Pioniere aus Syrien

Lüneburg. Tarek Taha hat sich in Schale geworfen: Mit dunkelblauem Anzug, gepunkteter Krawatte und braunen Lederschuhen sitzt er mit zwei Freunden auf der Tribüne des Sportparks Kreideberg und wartet darauf, dass ihm sein Abiturzeugnis ausgehändigt wird. Sein Notendurchschnitt von 1,7 wäre ohnehin schon eine beachtliche Leistung. Was sie noch besonderer macht: Der 18-Jährige vom Gymnasium Oedeme lebt erst seit vier Jahren in Deutschland. Er ist einer der beiden ersten geflüchteten Syrer, die das in Lüneburg geschafft haben.

Als Tarek 2015 mit seiner Mutter und seinem ältesten Bruder nach Deutschland kam, konnte er nicht ein Wort Deutsch. Vier Monate blieb er mit seiner Familie in der Flüchtlingsunterkunft in der Theodor-Körner-Kaserne, bevor eine deutsche Familie sie aufnahm. Die drei Kinder des Ehepaars gingen alle zum Gymnasium Oedeme, die Mutter setzte sich dafür ein, dass auch Tarek – zuerst als Gast – an die Schule kam. Da er fließend Englisch sprach, kam er in eine bilinguale Klasse, in der viele Fächer auf Englisch unterrichtet werden. „Da habe ich schnell Anschluss gefunden“, blickt er zurück.

Sich selbst um einen Nachhilfelehrer gekümmert

Doch um auch die Oberstufe zu schaffen, musste er Deutsch lernen. Die zwei Stunden pro Woche, die für ihn im DaZ-Unterricht – das steht für Deutsch als Zweitsprache – vorgesehen waren, reichten bei Weitem nicht aus. So kümmerte er sich selbst um einen Nachhilfelehrer und fand ihn in einem ehemaligen Professoren. „Er war für mich eine Schlüsselfigur, denn er half mir, nicht nur grammatikalisch korrekt, sondern auch flüssig Deutsch zu sprechen“, sagt Tarek heute. Er habe ihm anspruchsvolle Aufgaben gegeben, die Tarek löste, dann per E-Mail verschickte und korrigiert zurückbekam.

Bis zur 8. Klasse ging Tarek in seiner Heimatstadt Al-Zabadani nahe Damaskus zur Schule: „In Syrien liegt der Fokus auf Auswendiglernen – in Deutschland geht es mehr darum, Texte zu analysieren und zu diskutieren.“ Das gefiel Tarek besonders im Fach Geschichte: Dort legte er nun auch erfolgreich seine mündliche Prüfung ab – mit 12 von 15 möglichen Punkten. Vor allem aber liegen seine Talente in den Naturwissenschaften. In Mathe und Physik schaffte er es in den schriftlichen Abiturprüfungen ebenfalls zu 12 Punkten. Ob er auch schon einmal schlechte Noten auf dem Zeugnis hatte? „In Sport hatte ich einmal sechs Punkte, weil ich nicht besonders gut im Schwimmen war. Doch die Note musste ich zum Glück nicht mit ins Abi einbringen“, erzählt Tarek.

Jetzt möchte er Bauingenieur werden

Tarek freut sich, dass seine Eltern stolz auf ihn sind: „Ihnen war es immer wichtig, dass meine Brüder und ich eine gute Bildung bekommen, damit uns alle Türen im Leben offenstehen“, sagt er. Sein 24-jähriger Bruder, der 2015 mit nach Lüneburg kam, mache nun eine Ausbildung zum Koch im Hotel Seminaris. Sein anderer Bruder sei nach seinem Schulabschluss in Syrien nachgekommen, studiere nun in Essen Bauingenieurswissenschaften. „Wir sind alle Streber“, sagt Tarek grinsend.

Er selbst möchte in diesem Jahr auch ein Studium beginnen. Mathematik oder Bauingenieurswissenschaften interessieren ihn am meisten. Hannover oder Hamburg wären seine favorisierten Studienorte, sodass er nicht weit von seiner Mutter entfernt ist, bei der er zurzeit noch wohnt und der er hilft, Deutsch zu lernen.

Uta Würdemann, Beratungs- und DaZ-Lehrerin, freut sich für ihren Schützling, den sie die kompletten vier Jahre begleitet hat: „Man hat von Anfang an gemerkt, dass Tarek sehr viel Potenzial mitbringt und unglaublich zielstrebig ist.“ Auch, dass Tarek alle Prüfungen auf Deutsch abgelegt hat, macht die Pädagogin sichtlich stolz: „Dabei hat er weniger Rechtschreibfehler gemacht als mancher Muttersprachler.“

Von Anna Hoffmann

Auch am Johanneum gibt es den ersten syrischen Abiturienten

Zielstrebig zur Reifeprüfung

Mahmoud Ajani hat sein Abitur am Lüneburger Johanneum bestanden. Foto: A/Richter

Mahmoud Ajami kam im Herbst 2015 nach Deutschland – in Lüneburg fand er ein halbes Jahr später ein neues Zuhause. Auch er hat in diesem Jahr sein Abitur bestanden – mit einem Notendurchschnitt von 3,2. Sein Tutor Dr. Ingmar Probst, Lehrer am Johanneum, ist von der Leistung des jungen Mannes beeindruckt: „Als Mahmoud mit 30 anderen Flüchtlingen ans Johanneum kam, konnte er kein Wort Deutsch.“ Mit Internet-Tutorials lernte er die Sprache selbstständig, sodass er nach nur einem Jahr DaZ-Unterricht in die Oberstufe kam. „Mahmoud ist sehr intelligent und zielstrebig. Er hat die meiste Zeit des Tages investiert, um schnell an sein Ziel zu kommen.“ Wäre Mahmoud in Syrien geblieben, hätte er sein Abitur wohl schon 2018 gehabt – deshalb wollte er sein Abi in Deutschland nach der 12. Klassenstufe schaffen. Konkrete Pläne, was nach dem Abitur kommen soll, hat der 20-Jährige auch schon: Im September beginnt er ein duales Studium an der Hochschule 21 in Buxtehude, wird Bauingenieurswissenschaften studieren.