In den Kitas herrscht Unmut über das neue Kita-Gesetz. (Foto: geo)

So spitzt sich die Situation in den Kitas zu

Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas haben es unabhängig von Corona schwer genug. Und das neue niedersächsische Kita-Gesetz könnte die Lage noch verschlimmern, fürchten viele Betroffene. Sie haben zum Beispiel den Faktor Zeit im Blick.

Lüneburg. Was ohnehin schon prekär ist, wird sich durch das neue niedersächsische Kita-Gesetz noch verschlimmern: Wird das Gesetz wie im Entwurf vorgesehen umgesetzt, werden noch weniger Menschen als Erzieher oder Erzieherin arbeiten wollen, befürchtet der Evangelisch-lutherische Kindertagesstättenverband Lüneburg und fordert, den Entwurf zu überarbeiten.

Ansprüche an die Pädagogik steigen

Mit ihren Befürchtungen haben sich Vorstand und Kita-Leiterinnen jetzt an die Lüneburger Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD) gewandt. Der Verband ist der größte freie Träger der Region, hinter ihm stehen 14 Kitas und zwei Fachberatungsstellen, 1200 Kinder, 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Christian Meyer, Leiter der Kita Brandheider Weg, arbeitet seit 30 Jahren als Erzieher, er stellt klar: „Heute sind fast alle Elternteile berufstätig. Dadurch verbringen Kinder einen Großteil ihrer Zeit in der Kita. Die Ansprüche an die Pädagogik steigen entsprechend. Der gesellschaftliche Druck hat zugenommen, zugleich müssen viel mehr Vorgaben in den Bereichen Sicherheit, Arbeitsschutz und Hygiene beachtet und dokumentiert werden.“

Hoher Krankenstand im Erzieherberuf

Dass die Aufgaben in der Arbeitszeit oft nicht zu schaffen sind, macht Stephanie Jänicke vom Lüner Weg deutlich. „Die Mitarbeiterinnen erledigen manche Vorbereitungsaufgaben zu Hause in ihrer Freizeit, um ihren eigenen Ansprüchen an gute pädagogische Arbeit gerecht zu werden. Dies ist auf Dauer nicht gesund, der hohe Krankenstand im Erzieherberuf dokumentiert dies.“

Martina Stych von den „Kirchenmäusen“ macht auf den erhöhten Förderbedarf bei vielen Kindern aufmerksam: „Sie brauchen viel Aufmerksamkeit, Entwicklungsberichte und Austausch mit anderen Institutionen. Das ist mit den gegebenen Ressourcen nicht umsetzbar.“

Wachsender Erwartungsdruck der Eltern

Dem Kita-Verband geht es in der Kritik am Kita-Gesetz vor allem um die Zeit, die für die verschiedenen Arbeitsbereiche von der Gruppenarbeit über Entwicklungsbeobachtung, Dokumentation, Elterngespräche, Teamabsprachen, Planungen und Sprachförderung zur Verfügung steht sowie die fehlende Berücksichtigung der pädagogischen Anleitung von Auszubildenden, heißt es in einer Pressemitteilung.

Ingo Reimann, Vorsitzender des Kitaverbands-Vorstands, betont: „Wir stehen an mehreren Kipp-Punkten, bedingt durch den wachsenden Erwartungsdruck von Eltern und Gesellschaft auf die Arbeit der Kindertagesstätten und die bereits überschrittenen Grenzen der Belastbarkeit des Personals. Es muss von Seiten der Politik dringend an einer spürbaren Entlastung gearbeitet werden, um den jetzigen Standard der Arbeit halten und zunehmenden Anforderungen gerecht werden zu können.“

Fachkräftemangel könnte sich verschlimmern

Superintendent Christian Cordes fürchtet, dass der Fachkräftemangel sich durch das neue Kita-Gesetz verschlimmern wird. „Die Hoffnung von Fachkräften, dass ihre Leistungen gewürdigt werden und sich die Rahmenbedingungen den Anforderungen anpassen, wird mit diesem Gesetz enttäuscht. So kann es geschehen, dass wie bisher ein Großteil der Erzieherinnen ihren vermeintlichen Traumberuf nach wenigen Jahren verlassen und möglicherweise auch die erfahrenen Kräfte vor der Anstrengung, die auf ihnen lastet, kapitulieren.“

Andrea Schröder-Ehlers habe im Gespräch eingeräumt, dass die Gebührenfreiheit im Kindergarten für acht Stunden täglich den Druck auf die Kitas erhöht habe und der Fachkräftemangel verstärkt worden sei. Es müsse mehr Geld zur Verfügung gestellt und zumindest ein Stufenplan für die Verbesserung des Fachkräfteschlüssels aufgelegt werden, skizzierte sie ihre Position und versprach, dass die Politik nachbessern wolle.

Am Freitag soll der Gesetzentwurf im Kultusausschuss des Landtages beraten werden. Dazu ist in Hannover eine Demonstration geplant. lz

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