Freitag , 25. September 2020
Hannah Koritko (v.l.), Viktor Linsel, Mona Müller und Renke Soete auf der Terrasse ihrer „Villa Kunterbunt“: Dort leben Berufstätige, Auszubildende und Arbeitssuchende in einem Einfamilienhaus auf zwei Etagen zusammen. (Foto: t&w)

Ein Sonderfall des Zusammenlebens

Lüneburg. Es war ein harmonischer Gemeinschaftsabend in der „Villa Kunterbunt“, einer zehnköpfigen Wohngemeinschaft (WG) in Lüneburg. An einem Winterabend saß man am Küchentisch, spielte Karten, aß die soeben gebackenen Plätzchen quasi frisch aus dem Ofen. Dann hallte ein Schrei durch die Räume: In einem der oberen Zimmer war ein Feuer ausgebrochen – heute weiß man, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch entsorgte Asche der Auslöser war. Als Renke Soete, einer der Bewohner, mit einem Eimer Wasser nach oben eilte, war es schon zu spät. Es galt für alle nur noch, schnell nach draußen zu laufen und die Feuerwehr zu rufen. Verletzt wurde niemand, doch der Schock war groß. Und welche Tragweite dieser Vorfall haben würde, das hatte zu diesem Zeitpunkt keiner der Mieter im Blick.

Langfristige Verträge, hohe Fluktuation

Denn: Bei einer WG handelt es sich um einen Sonderfall des Zusammenlebens. Probleme, die in einer Familie reibungslos gelöst würden, stellt eine solche Zweckgemeinschaft oft unerwartet auf die Probe. Das zeigt der Fall aus Lüneburg.

Philipp Aderhold, Fachanwalt für Versicherungsrecht und erster Vorsitzender des Mieterbundes Lüneburg, weiß um die besondere Situation von Wohngemeinschaften im Mietrecht: „Das Gesetz kennt die WG nicht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch findet sich nichts explizit zur WG, denn für ihre Bewohner gelten die gleichen Rechte und Pflichten wie für alle anderen Mieter auch.“
Doch anders als bei Familien, die vorhaben, lange in der gleichen Konstellation in einer Immobilie zu wohnen, sind ständige Bewohnerwechsel in einer WG normal. „Es herrscht ein großes Spannungsverhältnis: Zum einen wollen die Bewohner flexibel sein, zum anderen ist ein Mietvertrag aber etwas Langfristiges“, erklärt Aderhold.

Er hat oft junge Leute in der Sprechstunde des Mietervereins sitzen, sie holen sich dort Hilfe in rechtlichen Angelegenheiten. So hat Aderhold auch Renke Soete und seine Mitbewohnerin Hannah Koritko kennengelernt. Direkt nach dem Brand traten sie in den Verein ein, der seinen Mitgliedern kostenlose Beratung in Mietangelegenheiten bietet. Aderhold konnte sie erst einmal beruhigen.

310

WG-Zimmer bietet der Verein Campus in seinen Studentenwohnheimen. Das Studentenwerk verfügt über sechs Wohnanlagen mit insgesamt 550 Plätzen.

Sie standen nach dem Brand vor zwei großen Problemen: Drei der fünf Bewohner des Obergeschosses, wo der Brand Schaden angerichtet hatte, hatten zu dem Zeitpunkt keine Privathaftpflichtversicherung – inklusive des Verursachers. Eine Hausratversicherung hatte niemand.

Hannah Koritko, die ihr Zimmer im Obergeschoss neben dem Raum hat, das im Dezember vergangenen Jahres komplett ausgebrannt ist, musste fast ihre komplette Einrichtung entsorgen. Denn unglücklicherweise stand ihre Tür offen: „Das Löschwasser und der Ruß haben auch bei mir auf allen Oberflächen eine klebrige Schicht hinterlassen, die dermaßen gestunken hat“, sagt sie rückblickend. Ihren Schaden wird sie wohl nicht erstattet bekommen, klagen möchte sie nicht.

Die Renovierung des Obergeschosses übernahm der Wohngebäudeversicherer ihres Vermieters. Doch dieser versucht, das Geld zurückzubekommen – schließlich ging dem Brand eine Pflichtverletzung voraus. Und hier greift wieder der Sonderfall WG: Da alle Mitbewohner im Obergeschoss als Hauptmieter im Mietvertrag standen, könnten nicht nur der Verursacher, sondern alle zur Verantwortung gezogen werden.

Feuerlöscher ist zwingend erforderlich

Die WG hofft, dass ein Regress, also ein Rückgriff durch den Wohngebäudeversicherer nicht erfolgen kann. Immerhin zahlte die WG die Prämie über die Nebenkosten für den Versicherungsschutz. Dieser Rückgriff ist nur bei Vorsatz und grober Fahrlässigkeit gegeben. Von dem, was man Regressverzicht nennt, hätte die WG jedoch ohne anwaltliche Hilfe nichts gewusst.

Was die Bewohner der Lüneburger Wohngemeinschaft am Ende aus dem Brand gelernt haben? „Wir haben uns als allererstes einen Feuerlöscher und ein Erste-Hilfe-Set gekauft. Das sollte jede WG tun“, rät Koritko. Darüber hinaus sollte sich jeder Mitbewohner einzeln, aber auch alle gemeinsam, mit dem bestehenden Versicherungsschutz auseinandersetzen und gegebenenfalls nachbessern. Eine Privathaftpflicht ist dabei das absolut Mindeste – diese wird auch immer häufiger vom Vermieter für ein Mietverhältnis vorausgesetzt. Besser sei zusätzlich eine Hausratversicherung, die auch den eigenen Hausrat, also beispielsweise durch Löschwasser beschädigte Möbel, Elektrogeräte und Wertgegenstände, versichert. Auch diese hat die Lüneburger WG nun für das ganze Haus abgeschlossen.

Nachbesserung bei Versicherungen

Den Mietvertrag hat die WG mit ihrem Vermieter neu aufgesetzt: Aus den Verträgen für das Untergeschoss und das Obergeschoss sind zehn geworden. Ein Vertrag pro Zimmer und Bewohner. So wird die Frage der Verantwortung erleichtert. Jeder ist für sein Zimmer verantwortlich und kommt für Schäden auf, die er angerichtet hat. Denn bei einem gemeinschaftlichen Vertrag, bei dem alle Bewohner Hauptmieter sind, haftet man im Zweifelsfall füreinander. „Das Problem in einer WG ist, dass man zwar einen gemeinschaftlichen Mietvertrag hat, nicht aber gemeinsam wirtschaftet wie eine Familie – und somit auch nicht selbstverständlich im Schadensfall füreinander aufkommt“, sagt Soete.

Auch Philipp Aderhold erlebt oft, dass vielen die Konsequenzen beim Vertragsabschluss nicht bewusst sind. „Darüber, welcher Vertrag der richtige ist, sollte man sich, bevor die WG gegründet wird, ausführlich informieren“, so Aderhold. „Engagement ist am Anfang wichtig und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.“

Von Anna Hoffmann