Sonntag , 27. September 2020
Der Zeitgeist bringt den Grünen Wind unter die Flügel. Die Fridays-for-Future-Demonstrationen dürften auch in Lüneburg für den Wahlerfolg gesorgt haben. Foto: t&w

Höhenflug mit Bodenhaftung

Lüneburg. Einen Bereich des Rathaus-Komplexes haben die Grünen bereits mit absoluter Mehrheit erobert: In der Kantine der Hansestadt schaffte die Partei am 26. Mai bei der Europawahl mit 50,76 Prozent ihr bestes Ergebnis im Stadtgebiet.

So viele Stimmen wie SPD und CDU zusammen

Auf der Mitgliederversammlung des Stadtverbandes am Donnerstagabend konnte Vorstandssprecherin Charlotte Klement durchweg „40 Prozent plus“-Ergebnisse in der Altstadt präsentieren. Und selbst die schwächsten Resultate in Kaltenmoor mit 16,82 beziehungsweise 19,47 Prozent muss sie nicht verstecken.

Ihr Sprecherkollege Ulf Reinhardt fasst die 35,36 Prozent, die die Partei vor vier Wochen bei der Europawahl einfuhr, entsprechend prägnant zusammen: „Damit haben wir so viele Stimmen bekommen, wie SPD und CDU zusammen.“
Dass bei der Landratswahl der städtische Vorsprung von Grünen-Kandidatin Erika Romberg nicht gereicht hat, wird am Donnerstagabend nur knapp analysiert: „Auf dem Land ist die CDU stark.“

„Nicht die letzten“ bei der OB-Kandidatenaufstellung

Nur nicht abheben, scheint die aktuelle Devise. Anders als 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima soll dieser Höhenflug kein Strohfeuer sein. Alte politische Reflexe funktionierten nicht mehr, ist Grünen-Fraktionschef Ulrich Blanck überzeugt. „Ich glaube, dass unsere Themen im Bewusstsein angekommen sind.“ Die Freitagsdemonstrationen der Schüler für konsequenten Klimaschutz hätten zudem „unheimlich viel gebracht“, zumal die anderen Parteien darauf nicht glaubwürdig reagiert hätten.

Sprecher Reinhardt setzt darauf, dass bei der Stadtratswahl 2021 ein größerer Zuwachs und damit entsprechendes Gewicht in der Stadtpolitik möglich ist – „wenn wir nicht allzu viele Fehler machen“. Aus der Runde der Mitglieder kam hier die Forderung, bei der Oberbürgermeisterwahl den Fehler bei der Landratswahl nicht zu wiederholen, sondern frühzeitig einen Kandidaten zu benennen und aufzubauen. „Wir werden nicht die letzten sein“, versprach Blanck.

Niels Webersinn saß in der ersten Reihe

Aufmerksamer Zuhörer in der ersten Reihe war an dem Abend übrigens Lüneburgs ehemaliger CDU-Stadtverbands- und Fraktionschef Niels Webersinn. Von Blanck als „Mit-Architekten“ des grün-schwarz-gelben Jamaika-Bündnisses vorgestellt, hieß es dann am Rande, dass er nur wegen einer privaten Verabredung im Anschluss anwesend war…

Dabei setzen die Stadt-Grünen durchaus auf weiteren Zuwachs. In Kürze wollen sie ihr 200. Mitglied begrüßen. Vor anderthalb Jahren waren sie noch 140. Nach 170 zum Jahresanfang haben Lüneburgs Grüne inzwischen 195 Mitglieder. Ein Zuwachs von 40 Prozent in anderthalb Jahren.

Für die Neuen plant der Vorstand auch neue Angebote. So soll es ab Herbst regelmäßige Neumitgliedertreffen geben, die in einzelne kommunalpolitische Themen einführen sollen.

Von Marc Rath