Samstag , 26. September 2020
Einige der Bildungspaten beim monatlichen Treffen: Die Ehrenamtlichen brauchen Verstärkung. Foto: Becht

Erfolgserlebnis beim Kakao

Lüneburg. Wird Ingo Simon nach seinen Erfahrungen als „Bildungspate“ gefragt, fällt ihm schnell eine Geschichte ein. Einmal habe er zwei syrische Flüchtlingskinder betreut, die zur Grundschule in Melbeck gingen und kein Wort Deutsch sprachen. Nach einigen Monaten gemeinsamen Trainings fragte Simon den Schulleiter, ob er mit den beiden einen außerplanmäßigen Ausflug auf den Wochenmarkt unternehmen dürfe. Er durfte, und den beiden Syrern gelang es, drei Bananen, drei Mandarinen und schließlich auch eine Tasse Kakao im Restaurant zu kaufen. „Davon erzählen die Kinder heute noch“, sagt Simon. Auch für ihn selbst sei der Morgen ein besonderes Erlebnis gewesen: „In solchen Momenten weiß man, warum diese Arbeit so schön ist.“

Hilfe für Kinder, die sonst den Anschluss verlieren

Ingo Simon ist einer der knapp 70 Bildungspaten, die in dem Freiwilligenprojekt „Bildungspaten für Kinder“ der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in der Region Lüneburg im Einsatz sind. Sie arbeiten mit verschiedenen Grundschulen sowie der Oberschule am Wasserturm zusammen, in der Deutsch als neue Zweitsprache unterrichtet wird. „Alle Kinder haben Potenziale, egal woher sie kommen, manche brauchen eben mehr Unterstützung. Wir wollen genau diese Kinder unterstützen, die sonst den Anschluss in der Schule verlieren würden“, beschreibt Koordinatorin Hiltrud Lotze die Intention des Projekts.

Besonders im Fokus stehen Kinder mit Migrationshintergrund, aber grundsätzlich entscheiden die Lehrer, welches Kind mit einem Bildungspaten oder einer Patin zusammenarbeitet, etwa beim Lesenlernen oder Rechnen. Die Kinder werden von den Paten direkt in ihren Klassen besucht. In Absprache mit dem Lehrer wird versucht, den Schüler bestmöglich zu unterstützen und die Konzentration zu fördern. Wie sie arbeiten, entscheiden die Paten selbst. „Das kommt stark auf die Tagesform des Schülers an“, beschreibt Ingo Simon sein Vorgehen. „Es gibt auch Tage, an denen ein einfaches Spiel die beste Methode ist.“

„Man sollte die Arbeit mit Kindern mögen“

Siebzig Helfer sind derzeit Teil des Awo-Angebots – eine Zahl, die nach den Vorstellungen von Hiltrud Lotze noch steigen soll. „Wir suchen dringend neue Freiwillige.“ Immer wieder komme es vor, dass Schulen vergeblich nach einem unterstützenden Bildungspaten anfragen. „Wir können den Bedarf nicht decken.“ Die Anforderungen skizziert Lotze so: „Man sollte die Arbeit mit Kindern mögen, freundlich und geduldig sein.“

Die bereits aktiven Paten sind sich einig, dass die Arbeit mit den Schülern eine echte Bereicherung ist. Die Erfahrung Ingo Simons ist kein Einzelfall – teilweise werde eine echte Beziehung mit dem Schüler aufgebaut. „Oft sind wir die einzige Person, die dem Kind wirklich Aufmerksamkeit schenkt“, weiß Simon. Seine Kollegen sprechen von einem „Geschenk für die Kinder“ und „wunderschönen Erlebnissen“. Auch zu den Eltern werde in einigen Fällen Kontakt aufgebaut: So erzählen die Paten von Einladungen zu Elternabenden und Choraufführungen im Kurpark.

„Das behindert unsere Arbeit“

Für die Bildungspaten gibt es auch Fortbildungen, Expertenvorträge und monatliche Treffen. Wie lange können sich Schüler bestimmter Jahrgänge konzentrieren? Welche Methoden entsprechen welcher Altersstufe? Und wie können Kinder am besten motiviert werden? Unter anderem um solche Fragen geht es dann. Aber auch die Raumsituation an vielen Schulen steht im Fokus. In einigen Schulen steht den Bildungspaten kein geeigneter Raum zur Verfügung, der konzentriertes Arbeiten mit den Kindern ermöglicht. „Das behindert unsere Arbeit“, sagt Ingo Simon. Die Schulleitungen sollen nun auf diese Situation noch einmal aufmerksam gemacht werden.

Von Oliver Becht