Mittwoch , 30. September 2020
Die Pastoren Christoph Petersen und Jürgen Bohle sowie Karin Gfrörer und Renate Fratzke von der Gemeindeleitung (v.li.) freuen sich auf den 125. Geburtstag der Friedenskirche. Foto: uk

Lüneburger Baptisten leben Vielfalt und Offenheit

Lüneburg. Die Geschichte beginnt in einer Schlosserei: Nahe am Rathaus, in der Burmeisterstraße, versammeln sich 1857 die ersten Lüneburger Baptisten. In der Stadt ziehen die Gläubigen danach häufig um, an die Grapengießerstraße, die Koltmannstraße, die Rübekuhle, bis sie schließlich nach fast 100 Jahren ihre erste eigene Kirche bauen können – an der Friedenstraße. Als die zu klein wird, baut die Gemeinde 1980 ein zweites Mal und nimmt den Namen ihrer Kirche einfach mit – an die Wichernstraße. Dort wird nun der 125. Geburtstag gefeiert.

Anfang der 80er-Jahre lag die Friedenskirche am Stadtrand in Kasernennähe, heute in einem lebendigen Stadtteil mit Universität und einer bunten Vielfalt unter den Bewohnern. „Wir waren und sind irgendwie immer mittendrin und das finden wir gut“, sagt Pastor Christoph Petersen und nimmt damit das Motto für das Jubiläumswochenende auf: Seit 1894 ist die Gemeinde selbstständig. Gefeiert wird der 125. Geburtstag mit einem großen Nachbarschaftsfest am Sonnabend, 22. Juni, und mit einem Festgottesdienst am Sonntag, 23. Juni, 10 Uhr.

Viele Anhänger sind nach Amerika ausgewandert

Dass die Baptisten in Lüneburg immer ungehindert ihren Glauben leben konnten, ist nicht selbstverständlich. Die Bewegung geht zurück auf die sogenannten Wiedertäufer der Reformationszeit. Weil sie in Europa verfolgt wurden, wanderten viele Anhänger nach Nordamerika aus. 1834 gründete Johann Gerhard Oncken, ein Kaufmann aus Ostfriesland, in Hamburg die erste deutsche Baptistengemeinde. Im Staatskirchentum waren die Freikirchler, die die Gläubigentaufe praktizierten, sich für Religionsfreiheit einsetzten und die Trennung von Kirche und Staat forderten, vielerorts noch Repressalien ausgesetzt.

Die Lüneburger schlossen sich zunächst der Hamburger Oncken-Gemeinde an. In der Damenbadeanstalt an der Ilmenau feierten sie ihre Taufgottesdienste. „Das hat sicher für manches Aufsehen in der Stadt gesorgt, aber von Störungen ist nichts bekannt“, sagt Pastor Jürgen Bohle. Und als der Versammlungsraum Auf der Rübekuhle 1943 beschlagnahmt wurde, habe die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Krypta der St.-Michaelis-Kirche feiern dürfen. „Dafür sind wir sehr dankbar. Ökumene war zu der Zeit ja noch ein Fremdwort.“ Als die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Lüneburg 1979 entsteht, gehörten die Baptisten zu den Gründungsmitgliedern. Heute ist aus der kleinen Gebetsgruppe in der Schlosserei eine Gemeinde mit 330 Mitgliedern und einem großen Freundeskreis geworden.

Gemeinde betreibt auch eigenen Kindergarten

„Früher kamen unsere Mitglieder fast alle aus dem Baptismus, heute sind Christen ganz verschiedener Prägung und Herkunft dabei“, sagt Petersen. Die Angebote der Friedenskirche spiegeln Vielfalt und Offenheit: Die Gemeinde betreibt einen Kindergarten und ist in der Stadtteilarbeit aktiv, sie bietet Mitmach- und Kontaktmöglichkeiten für alle Altersstufen. In den Gottesdiensten haben sowohl liturgische Elemente wie das Vaterunser als auch moderne Musik ihren Platz. Das Motto „mittendrin“ gelte nicht nur für den Standort, sagt Petersen. „Uns ist wichtig, dass unsere Gottesdienste mitten ins Leben hineinsprechen, also Fragen aufgreifen, die die Menschen beschäftigen.“

Mit der streng pietistisch geprägten Glaubensgemeinschaft der Anfangsjahre hat die Friedenskirche von heute also kaum noch etwas zu tun? Petersen sieht das gelassen. „Klar, die Zeiten haben sich geändert. Aber das Evangelium von Gottes Menschenliebe, das bleibt ja dasselbe.“

Von Ute Klingberg