Donnerstag , 24. September 2020
Zufällig in Lüneburg gestrandet und seither Dauergast: Michael Bek und seine Familie. Foto: hof

Camping erlebt einen Boom

Lüneburg. Der Urlaub im Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil liegt im Trend. Noch nie gab es so viele Camper in Deutschland wie derzeit. Das bestätigen Zahlen, die das Online-Portal „Camping.info“ erhoben hat. Allein in Niedersachsen wurden 4,944 Millionen Übernachtungen im Jahr 2018 gezählt – eine Steigerung von 11,82 Prozent zum Vorjahr. Damit steht das Bundesland zwischen Nordsee und Harz auf Platz drei der beliebtesten Campingziele nach Bayern (6,2 Millionen) und Mecklenburg-Vorpommern (5 Millionen). Der Boom spiegelt sich auch auf den Lüneburger Plätzen wieder.

Heribert Muckenhirn ist Geschäftsführer des Campingplatzes „Rote Schleuse“ und bestätigt die Entwicklung: „Auch bei uns sind die Übernachtungen Jahr für Jahr kontinuierlich gestiegen. Im vergangenen Jahr lag die Zahl bei 25 500 – das sind 5,8 Prozent mehr als 2017.“ Als Grund vermutet Muckenhirn den schönen Sommer, aber auch die Angst vor Terroranschlägen im Ausland, zum Beispiel in Tunesien, Frankreich oder Belgien sowie die politische Lage in der Türkei, veranlassten seiner Einschätzung nach viele Deutsche dazu, den Urlaub doch lieber im eigenen Land zu verbringen.

Sichere Alternative aus Angst vor Terroranschlägen

Eine Analogie sieht er außerdem zwischen dem Boom der Fahrradbranche, insbesondere der steigenden Beliebtheit von E-Bikes, und der Popularität von Camping: „Gefühlt 95 Prozent unserer Gäste haben ein E-Bike. Camping und Radfahren passen perfekt zusammen“, findet Muckenhirn.

Die Altersgruppe, die hauptsächlich den Boom vorantreibt, seien laut Muckenhirn die „jungen Rentner“. So bezeichnet er Ehepaare zwischen 55 und 65 Jahren, oft Doppelverdiener, die es sich leisten können, immer unterwegs zu sein.

Peter und Anette Bernthsen aus Dortmund passen in dieses Bild. Das Ehepaar, er 62, sie 67, hat sich vor zwei Jahren ein Wohnmobil gekauft. Wenn Peter Bernthsen in vier Jahren auch in Rente geht, wollen sie gemeinsam durch Deutschland touren. Bis dahin müssen die Urlaubstage reichen – drei Mal im Jahr fahren sie für eine Woche weg. Auf dem Campingplatz „Rote Schleuse“ in Lüneburg sind sie zum zweiten Mal, der nächste Urlaub ist auf einem Platz in der Nähe von Cuxhaven geplant.

„Mit der Zeit kennt man sich untereinander“

Mehr Campingerfahrung haben die Dauercamper Peter und Ilona Saß (beide 82): Seit dreißig Jahren verbringt das Ehepaar aus Hamburg-Bergedorf die Saison auf dem Campingplatz „Rote Schleuse“ – vorher waren sie in ganz Europa unterwegs. „Seit 1963 fahren wir mit unserem Wohnwagen durch die Gegend. Oft wurden wir belächelt, weil andere lieber Urlaub im Hotel verbracht haben“, sagt Peter Saß. Doch das hat die beiden nie beeindruckt: „Wir hatten immer die Freiheit, weiter zu fahren, wenn es uns irgendwo nicht gefallen hat.“ In Lüneburg hat dann alles gepasst, weiterfahren wollten sie nicht mehr. Vor allem gefalle ihnen hier die familiäre Atmosphäre: „Mit der Zeit kennt man sich untereinander.“ Auch über Urlauber, die jedes Jahr wiederkommen, freut sich das Ehepaar.

Ein solcher ist Michael Bek aus Dragør bei Kopenhagen. Jedes Jahr aufs Neue ist der Däne mit seiner Familie Gast auf dem Lüneburger Campingplatz – seit mittlerweile 20 Jahren. Ganz ungeplant war sein erster Besuch: „Ich war gerade mit meiner Frau auf dem Weg nach Südfrankreich, da gerieten wir am späten Abend in der Nähe von Lüneburg in einen Stau. Wir beschlossen dann, von der Autobahn abzufahren und auf dem nächsten Campingplatz zu übernachten. Erst morgens haben wir gesehen, wie schön es hier ist“, erinnert sich Bek. „Seitdem will meine Frau jedes Jahr wieder hierher.“

Auch in Thomasburg und am Reihersee steigen die Zahlen

Auch andere Campingplätze im Landkreis spüren die steigende Beliebtheit von Camping. Sylvia Joost, Inhaberin des Heidehofs Radenbeck in Thomasburg, beobachtet eine kontinuierliche Steigung in den vergangenen Jahren, auch 2018: „Was wir im Sommer wegen der brütenden Hitze einbüßen mussten, haben wir in der Nebensaison wieder wettgemacht.“ Zudem profitiere sie von der Beliebtheit des Campingplatzes „Rote Schleuse“ – dort würde man Gäste, für die kein Platz mehr ist, zu ihr schicken.

Und auch in Brietlingen, auf dem Campingplatz Reihersee, der hauptsächlich von Dauercampern besetzt ist, spürt man die Beliebtheit der Region Lüneburger Heide bei Touristen. „Vor allem die Tiny Houses, die wir seit Neuestem haben, werden gut angenommen“, beobachtet Peter-Henning Reinstorf.

Zurück nach Lüneburg zu Peter und Anette Bernthsen. Der 62-Jährige verrät, dass er seinen eigentlichen Traum aus Rücksicht auf seine Frau aufgegeben hat: „Ich wollte immer ein eigenes Boot haben, doch meine Frau fühlt sich auf dem Wasser unsicher. Das Wohnmobil war dann ein guter Kompromiss.“

Von Anna Hoffmann