Mittwoch , 21. Oktober 2020
Anita Banchón mit ihren Pateneltern, Matthias und Marion Swobodzinski. Nach mehr als 20 Jahren lernten sie sich kennen. (Foto: be)

Fremd und doch vertraut

Adendorf. Für die 35-jährige Anita Banchón ist in diesem Frühjahr ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: Nach über 20 Jahren lernte die Ecuadorianerin endlich ihre Pateneltern Matthias und Marion Swobodzinski aus Adendorf kennen, mit deren finanzieller Hilfe sie sowohl Schule als auch Universität abschließen konnte.

Die Patenschaft kam 1995 durch die Gründung des Vereins Mi Mañana, auf Deutsch „Meine Zukunft“, zustande: Der Adendorfer Wolfgang Gabbert, Mitbegründer und ehemaliger Leiter der Deutschen Schule in Guayaquil, sowie seine aus Ecuador stammende Ehefrau Anita, regten im privaten Freundeskreis an, den aus armen Familien stammenden Kin­dern im Fischerdorf Posorja zu helfen. Posorja war früher ein beliebter Badeort, doch seit Abfälle zweier Fischfabriken das einst klare Meerwasser in eine schwarze Brühe verwandelt hatten, versank das Dorf in Armut. Schnell waren in Adendorf zehn Pateneltern für zwölf Kinder gefunden, für ihr Engagement wurden die Gabberts im Jahr 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Marion Swobodzinski, die Anita von Buchwald-Gabbert durch einen Spanisch-Kursus an der Volkshochschule kennenlernte, war bei der Gründung des Vereins von Anfang an mit dabei.

Verein gibt vielen Kindern eine Perspektive

Mittlerweile gibt es dank Mi Mañana in Posorja eine Schule mit knapp 400 Schülern und 17 Lehrern, ein Freundschaftshaus, das nicht nur als Treffpunkt für 92 Patenkinder und deren Eltern dient, sondern in dem es auch Trinkwasser, einmal monatlich eine kostenlose ärztliche Untersuchung und einen Kindergarten mit 40 Plätzen gibt.

Die Industrieingenieurin Anita Banchón, ein Patenkind der ersten Stunde, arbeitet seit langer Zeit selbst am Projekt in Posorja mit. Mit Matthias und Marion Swobodzinski blieb sie über die Jahre verbunden.

„Ich habe neun Geschwister, und meine Familie hat sehr wenig Geld. Ich bin in der Überzeugung aufgewachsen, höchstens die Grundschule besuchen zu können“, erzählt sie. Dass es anders kam, grenzt für sie noch immer an ein Wunder. Sie erinnert sich daran, wie sie den Swobodzinskis als Kind schrieb „Mein Traum ist es, euch kennenzulernen.“ Als sie dann vor ihnen stand, war das ein sehr emotionaler und aufregender Moment. Für beide Seiten. „Erst war es ein komisches Gefühl, obwohl oder gerade weil wir uns alle große Mühe gegeben haben“, räumt Matthias Swobodzinski ein. „Wir waren so neugierig. Über Briefe und Fotos verfolgen wir Anitas Leben nun schon so lange, dennoch stand dann da irgendwie eine fremde Person vor uns.“

„Die Botschaft, die ich mit nach Hause nehme: Träume können wahr werden.“ – Anita Banchón

Doch das Eis war schnell gebrochen, die Verständigung läuft mit Händen, Füßen und vor allem Herz, denn: Die Swobodzinskis sprechen kein Spanisch, Anita Banchón nur ein wenig Englisch, oft übersetzt Anita von Buchwald-Gabbert.

Lange hat Banchón auf ihre vierwöchige Reise nach Deutschland gespart, ihr bislang größtes Abenteuer. „Es ist das erste Mal, dass ich in einem anderen Land bin“, verrät sie. Leben kann sie bei einer Freundin aus ihrem Heimatdorf, die inzwischen mit ihrem deutschen Ehemann in Lüneburg lebt. Vieles sei hier ganz anders, so Banchon, das Essen, die Ordnung und vor allem der Verkehr. „Bei uns ist es lebensgefährlich, Fahrrad zu fahren. Als ich klein war, haben mir Marion und Matthias ein Fahrrad geschenkt. Ich hatte ziemlich schnell einen Unfall und habe mich nie wieder getraut zu fahren“, sagt Banchón wehmütig. Nach ihren positiven Erfahrungen in Lüneburg will sie es aber nun auch in Posorja wieder versuchen.

Für Anita Banchón ist es die erste große Reise

In dieser Woche geht es für sie wieder zurück, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Es ist so schön grün hier, ich liebe die deutsche Natur.“ Sie habe viel gelernt, was sie mit nach Hause nehmen wolle, vor allem aber die Botschaft, „dass Träume wahr werden können“. Anita Banchón ist voller Dankbarkeit, für die Gastfreundschaft, die ihr hier zuteil wurde und für das, was sie hier erleben durfte: Ausflüge nach Northeim, Köln, Hildesheim, Lauenburg, Berlin und Hamburg, Spanisch-Unterricht im Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck, eine große Abschiedsparty. Eines steht fest: Es soll ein Wiedersehen geben, jetzt auf einer viel persönlicheren Basis.

Mehr Informationen über den Verein Mi Mañana gibt es unter www.mi-manana.de.

Von Lea Schulze