Montag , 21. September 2020
Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind mit ihren Mapapus in der Lüneburger Heide. (Foto: geo)

Eine Erinnerung zum Umarmen

Tostedt. Als Christiane Lüning eines Donnerstags mit ihrem Zeigefinger den Knopf für die Klingel an dem Häuschen im Wald irgendwo zwischen Tostedt, Buchholz und Holm-Seppensen drückte, hatte sie sich schon ein Jahr lang Fragen gestellt. Fragen, von denen sie nicht wusste, ob sie die überhaupt haben darf. Auf die sie einfach keine Antwort fand. Seit einem Jahr hatte sie Gefühle, von denen sie nicht wusste, ob diese Gefühle überhaupt erlaubt sind. Und die trotzdem blieben.

Hinter der Tür, so hoffte Christiane Lüning an diesem Morgen, werden all die Fragen und Gefühle des vergangenen Jahres an den zwei Tagen, die vor ihr lagen, zwar nicht vergehen. Wer soll ihr schließlich jemals sagen können, warum ihre Schwester und nicht sie selbst starb? Wer kann ihr ihre Wut erlauben, von der sie nie wusste, ob sie die haben darf?

Trauer in Erinnerung verwandeln

Ihre Hoffnung ist eine andere: dass sich ihre Fragen und Gefühle verwandeln. In eine Erinnerung. Denn hinter dieser Tür ganz am Ende der Straße zwischen Tannen und Fichten will Christiane Lüning an diesem Wochenende ein Kuscheltier nähen. Aus den Kleidungsstücken ihrer verstorbenen Schwester. „Mapapu“ hat Erfinderin Jennifer Arndt-Lind, 43, ihre Erinnerungspuppen genannt, als Abkürzung für Mama-Papa-Puppe. Als genau das hatte sie die ersten der sympathisch in die Welt blickenden Kuscheltiere für den eigenen Bedarf in ihrer Familie genäht, doch mittlerweile sind Mapapus viel mehr. Sie erinnern nicht nur an tote oder woanders lebende Mamas und Papas, sondern auch an verstorbene Kinder, Lebensgefährten oder eben Geschwister.

Wie bei Christiane Lüning. „Es war plötzlich, von jetzt auf gleich, dass meine Schwester ging“, erzählt die Bochumerin, die für ihr eigenes Mapapu eigens in die Nordheide gereist ist. „Ohne Vorankündigung. Ohne ein Wort des Abschieds, ohne eine Umarmung.“ Christiane selbst war Ende 30, Bettina Anfang 40, als sie starb. Vermutlich an einer Embolie, aber genau weiß es die Familie nicht. Bettina hatte Multiple Sklerose, aber die Todesursache war das nicht. Sie atmete auf einmal nicht mehr. Die Reanimation hatte nicht funktioniert. Bettina hinterließ einen Ehemann und einen kleinen Sohn, Malte, sechs Jahre alt, vor ein paar Monaten war er eingeschult worden.

Die Fragen der Hinterbliebenen

Christiane Lüning selbst hat keine Kinder. Warum also starb nicht sie anstelle ihrer Schwester? Das fragte sie sich, wieder und wieder.

Ihr Neffe nannte seine Tante schon am Tag nach dem Tod seiner Mutter „Ersatzmama“, doch kann sie ihm überhaupt gerecht werden? Wo sie selbst so viel Kraft für sich braucht? Ach ja, und darf sie eigentlich auch wütend sein? „So viele Fragen wollen beantwortet und anscheinend stecken gebliebene Gefühle befreit werden“, sagt Hendrik Lind, 46. „Das gilt für alle, die an unseren Workshops teilnehmen. Viele dieser Fragen können wir anschubsen. Auch wenn nicht alles sofort beantwortet und unterbewusst aufgenommen werden kann, so ist eines sicher: Die Antworten bekommen Kraft zum Wachsen.“

Kleidung weckt neue Gefühle

Auch bei Christiane Lüning. In Tostedt kann sie von ihrer Schwester erzählen, der gemeinsamen Kindheit. Und von ihrem Neffen. Als dann die Pullover und Sweatshirts ihrer toten Schwester vor ihr auf dem Werkstatttisch liegen, kommen auf einmal ganz andere Erinnerungen hoch. „Das war merkwürdig“, sagt die heute 41-Jährige. Sofort dachte sie an Situationen, in denen ihre Schwester diese Kleidungsstücke getragen hatte: als sie zusammen im Musical waren, als ihr Vater zum Geburtstagsbrunch eingeladen hatte.

Ein Mini-Mapapu in der Werkstatt. (Foto: geo)
Und dann kommen die Tränen. Tränen, die sich Christiane Lüning im Alltag nur selten erlaubt. Doch in dem kleinen Haus im Wald, geschützt und weit weg genug von zu Hause, geht es.

„Das Zerschneiden der Kleidung wird dir sicher schwer fallen“, hatte Hendrik Lind im Vorfeld zu ihr gesagt. Doch das Gegenteil war der Fall. „Es ist mir nicht schwer gefallen“, erzählt Christiane Lüning. „Es war ein Gefühl der Erleichterung. Eine Erleichterung, endlich etwas gegen diesen Schmerz über den Verlust tun zu können.“ Am ersten Abend, allein in ihrem Appartement, weint sie viel. Doch auch das fühlte sich gut an: „Es war ein Weinen, das mich erleichtert, den Schmerz lindert.“ Vielleicht, weil Christiane Lüning endlich einen Ort gefunden hat, in den ihre Fragen und Gefühle hineingehen können: aus ihr selbst heraus in das Mapapu.

Seelentröster gegen den Schmerz

Als sie am nächsten Tag die Puppe stopft, ist das ein innerer Kampf mit ihren Gefühlen, sagt sie. „Die Wut, die Trauer, die Verzweiflung, die Liebe, die Angst um meinen Neffe, die Furcht vor dem Alleinesein als Schwester: Alles ist in mir drin und wird zumindest ein bisschen mit in die Puppe gepackt.“ Es darf sich verwandeln, eine neue Form annehmen und geben. Als ihr Bettina-Mapapu fertig ist, bekommt Christiane Lüning Gänsehaut. „Sie ist perfekt. Alles passt so wunderbar. Alles hat seinen Platz.“ Auch ihre Fragen und Gefühle haben jetzt einen neuen Platz.

Genau das ist eine der eindrucksvollen Wirkungen ihrer Seelentröster, sagt Hendrik Lind. „Die Menschen erfahren einen ganz neuen Trost, der eine Art Kommunikation mit dem Verstorbenen auslöst. Ob wir es Selbstgespräch nennen oder anders: Durchweg alle Mapapu-Besitzer berichten uns von der heilenden Wirkung.“ Seit mehr als fünf Jahren näht seine Frau die Trostspender nun für trauernde Kinder und Erwachsene, mehr als 2000 Mapapus sind bereits entstanden – eines auch für den kleinen Malte. Er bekam sein Mamapu von seiner Tante geschenkt, als Überraschung. Sie hatte im Internet nach Trauerbewältigung für Kinder gesucht und war auf die Mapapus gestoßen. Die Puppe hat ihm so gut getan, dass auch Christiane Lüning entschied, eine für sich selbst besitzen zu wollen – und sie sogar selbst herzustellen. Denn diese Möglichkeit bietet Jennifer Arndt-Lind erst seit wenigen Monaten an.

Trauerprozess beim Puppennähen

„Der Geburtsprozess eines Mapapu spiegelt eins zu eins die Schritte im Trauerprozess wider“, sagt Jennifer Arndt-Lind, ausgebildet als Sterbeamme bei der Hamburger Sterbe- und Trauerbegleiterin Claudia Cardinal. „Angefangen bei der Aufgabe der alten, vertrauten Form, die beim Tod eines Menschen zu akzeptieren ist, bis hin zur Integration der neuen Form in das eigene Leben.“

Trauer kommt schließlich oft plötzlich und unerwartet, sagt Arndt-Lind, „vor allem aber unwillkommen. Sie bringt seelischen Schmerz mit sich. Zweifel und Gefühle der Ungerechtigkeit, Verlorenheit und Einsamkeit sind oftmals ihr Begleiter. Sie ist zwar keine Krankheit, aber verdrängte Trauer kann krank machen.“ Eine Verdrängung oder Vermeidung könne die Lebensfreude und Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen und depressive Erkrankungen auslösen. Um aus der Trauer einen positiven Weg zu finden, sagt Arndt-Lind, sei es notwendig zu akzeptieren, dass sich etwas verändert hat. „Zu dieser Verwandlung gehört die Akzeptanz, dass die alte Form unwiederbringbar verloren ist.“ Erst dann könne die neue Form entstehen – und dabei kann ein Mapapu sehr helfen. Besonders, wenn der trauernde Mensch ihn selbst näht. „Dann geht das Herz in die Hände, und die Hände schaffen eine Erinnerung, die man in den Arm nehmen kann.“

Von Carolin George