Sonntag , 27. September 2020
Jens Böther (CDU, l.) und Norbert Meyer (SPD) auf fremdem Terrain – zu Gast bei den Grünen. Fotos: t&w

Ganz nah und doch weit entfernt

Lüneburg. Eine Woche vor der Landrats-Stichwahl steigt der Spannungspegel. Können Jens Böther (CDU) und Norbert Meyer (SPD) ihre Wählerschaft erneut mobilisieren. Und: was machen jene, die am 26. Mai nicht oder einen der beiden anderen Kandidaten gewählt haben? Besonders interessant: Was machen jene 25.532 Wählerinnen und Wähler, die vor zwei Wochen ihr Kreuz bei der Grünen-Kandidatin Erika Romberg gemacht haben?

Eine Wahlempfehlung woll(t)-en die Grünen nicht abgeben (LZ berichtete), allerdings legten sie Böther und Meyer zehn „Wahl-Prüfsteine“ mit Fragen zu Mobilität, Klima- und Umweltschutz, Infrastruktur, Agrarpolitik und Bürgerbeteiligung vor. Die Antworten diskutierten sie am Donnerstagabend mit den beiden Bewerbern in der „Krone“.

Der Festsaal des Gasthauses war voll – nicht zuletzt, weil etliche Sozial- und auch einige Christdemokraten unter den 80 Gästen die Mehrheit stellten. Die sorgten dann auch öfter für Zwischenapplaus für „ihren“ Kandidaten, während die Grünen mit Beifall sparsam umgingen. Denn sehr schnell wurde auch an diesem Abend deutlich, dass sich Böther und Meyer nur in Nuancen unterscheiden – und in der Kreispolitik in einigen Punkten weit weg von Positionen der Grünen sind.

Keine Zugeständnisse bei Brücke und Grüngürtel

So machten mit ihrer entschiedenen Haltung für den Bau einer Elbbrücke bei Neu Darchau und für einen Digital-Campus mit Wohnbebauung in Abschnitte des Grüngürtels im Lüneburger Westen beide Bewerber keine Kompromisse ans grüne Klientel. Beim Thema Mobilität präsentierte Norbert Meyer erstmals öffentlich seine zur Stichwahl konkreter formulierte Formel: Für einen Euro pro Tag mit dem Bus durch den ganzen Landkreis – für Erwachsene mit einer Jahreskarte für 365 Euro, Schüler die Hälfte. Zudem stellte er zwei Millionen Euro jährlich für den Ausbau des Radwegenetzes in Aussicht.

Jens Böther warnte hier vor Wahlversprechen, „die man möglicherweise nicht halten kann“. Auch er plädierte hier für deutliche Verbesserungen, sieht aber bei der Schülerbeförderung „das Land mit im Boot“ und will einen hauptamtlichen Radfahrbeauftragten installieren.

Ob Reaktivierung der Bahnstrecken, konsequenteren Naturschutz oder schnelleres Internet – hier lagen an dem Abend alle im Saal nah beieinander. Bei ihren Positionen zur Massentierhaltung blieben beide Kandidaten eher vage.

Vorstoß für Wahlalter ab 14 Jahre

Am lebhaftesten war der Abend bei der Frage nach einer stärkeren Beteiligung der jungen Generation in und an der Kreispolitik. Meyer kündigte an, eine Jugendkonferenz einzuberufen, junge Menschen als beratende Mitglieder in die Ausschüsse berufen zu wollen und auch ein besonderes Budget zur Verfügung zu stellen. Böther sprach sich nicht nur für eine direktere Einbindung bei Entscheidungen aus, sondern plädierte für eine Senkung des Wahlalters auf 14 Jahre: „Da müssen wir beim Land dranbleiben. Wenn wir die Jugend nicht nur mit Spielgeld beschäftigen, gewinnen wir sie“, kündigte er an.

Dafür gab es den einzigen Beifall des Abends von allen Seiten. Besonders horchten hier die beiden Landtagsabgeordneten Andrea Schröder-Ehlers (SPD) und Detlev Schulz-Hendel (Grüne) auf. Im Landesparlament stehen die Christdemokraten bei der Senkung des Wahlalters gerade auf der Bremse. „Das werde ich der CDU ausrichten“, kündigte Schulz-Hendel freudig an.

Nach zwei Stunden gab es von Grünen-Kreissprecher Claus Poggensee nicht nur den Dank für die intensive Auseinandersetzung, sondern für beide auch ein Wein-Präsent – echt bio und in grüner Verpackung.

Die Wahl-Prüfsteine, die Antworten der beiden Landratskandidaten und eine Bewertung der Grünen Kreisspitze gibt es im Laufe des Sonnabends auf www.gruene-lueneburg.de

Von Marc Rath

Stichwahl

Böther oder Meyer

65,01 Prozent der fast 150 000 Wahlberechtigten in Stadt und Landkreis Lüneburg hatten am 26. Mai bei der Landratswahl ihre Stimmen abgegeben. Das Ergebnis: Norbert Meyer (SPD) 28,32%, Jens Böther (CDU) 35,62%, Erika Romberg (Grüne) 26,93%, Markus Graff (Linke) 9,13%. Die notwendige Mehrheit von mehr als 50 Prozent wurde damit verfehlt.

Am 16. Juni stehen sich in der Stichwahl die beiden Bestplatzierten gegenüber. Wer die meisten Stimmen bekommt, wird am 1. November Lüneburgs neuer Landrat.

Zum Duell lädt die LZ beide Kandidaten am 12. Juni ein. Beginn: 19 Uhr, Forum der Musikschule, St.-Ursula-Weg 7. Der Eintritt ist frei.