Samstag , 24. Oktober 2020
Trauer nach dem Tod von Anton W.: Freunde hatten nach der Tat den Weg aus der Bar Pacos an der Unteren Schrangenstraße an die Heiligengeiststraße mit Grablichtern und Rosen nachgezeichnet. Foto: Kolbe

Keine Hinweise für Wahn

Lüneburg. Weder der gerichtsmedizinische noch der psychiatrische Gutachter haben eine Erklärung, warum Robert S. dem sterbenden Anton W. dreimal mit einer Bohrmaschine ins linke Auge bohrte. Am Freitag versuchte der Vorsitzende der 4. Großen Strafkammer das schwer Fassbare verständlich zu machen. Franz Kompisch umriss ein Szenario: In der Silvesternacht war es zwischen S. und W. zum Streit gekommen, dabei soll Anton W. Robert S. geschlagen und einen Daumen ins Auge gedrückt haben. Denkbar sei aber auch, so Kompisch, dass W. von mehr als einem Dutzend Messerstichen getroffen auf dem Boden liegt und in einer letzten Anstrengung versucht, seinen Angreifer abzuwehren und dabei die Augen attackiert. Die Überlegung: Um diese empfundene Schmach quasi wettzumachen, schließt S. die Bohrmaschine an, legt den 20 Zentimeter langen Bohrer ein und fügt W. die letzten endgültig tödlichen Verletzungen zu.

Der bizarre Notruf

Das Landgericht verhandelt ein ungewöhnlich brutales Tötungsdelikt. Am Freitag erstattete Frank Wegener den zweiten Teil seines psychiatrischen Gutachtens. Während die Anklage von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit ausgeht, sagte Wegener: „Dafür sehe ich kein juristisches Eingangskriterium.“ Er habe bei dem geständigen Angeklagten S. keine Hinweise auf einen Wahn oder Schizophrenie gefunden, auch eine schwere Suchterkrankung mit entsprechenden Ausfallerscheinungen scheide aus. Eine Affekttat sehe er ebenfalls nicht: Eine explodierende Wut baue sich über Tage, Wochen, Monate auf, doch S. habe „komplex und strukturiert“ gehandelt: „Es ist bizarr.“

Wie bizarr zeigte der aufgezeichnete Notruf bei Polizei und Feuerwehr in der Nacht, den die Kammer abspielte. Auszüge: „Ich bin Robert S. In der Heiligengeiststraße liegt eine menschliche Leiche. Den Menschen habe ich mit nach Hause genommen, er hat mich bedroht.“ Der andere sei ein „Knastbruder“. Und: „Er atmet nicht mehr. Er ist tot und fertig. Dankeschön.“ All das klingt beherrscht und unaufgeregt, auf Fragen reagiert S. angemessen und gefasst. Von der Panik, von der S. in seiner Befragung durch das Gericht gesprochen hatte, ist während des Telefonats nichts zu merken.

Der Anruf bei der Polizei war vollkommen klar

Auch nicht vom Alkohol. Zwei Blutproben wurden in der Nacht genommen, eine bilanziert einen Wert von knapp unter zwei Promille. Gutachter Wegener dazu: „Der Anruf bei der Polizei war vollkommen klar.“ Sein Fazit: „Ich sehe die volle Schuldfähigkeit.“ Damit ist Verteidiger Thorsten Heß nicht einverstanden, er kündigte an, ein weiteres Gutachten zu beantragen.

Die Kammer hörte am Freitag Antonia W., in deren Wohnung Anton W. starb. Die 20-Jährige wirkt mädchenhaft zierlich. Die Lehramtsstudentin vermied jeden Blickkontakt zu ihrem ehemaligen Freund. In ihrer Aussage nennt sie ihn „Herr S.“, beim Opfer spricht sie von einer „Person“. Sie versuche, mit der Situation abzuschließen. Die gewollte Distanz zu S. war fast greifbar.

Ihre Schilderung: Sie sei drei Monate mit S. zusammen gewesen. Er habe in ihrer Wohnung gelebt, sie seien glücklich gewesen. S. habe allerdings zu viel getrunken. Habe sie ihn darauf angesprochen, reagierte er ungehalten, aber nicht körperlich aggressiv. Nur einmal habe sie erlebt, dass der 33-Jährige auf einen anderen losgehen wollte, in einer Kneipe habe S. den Eindruck gehabt, dass sich ein Mann an seine Freundin heranmache.

Robert S. war betrunken – wieder einmal

Am Silvestertag habe man zusammen eingekauft, am Nachmittag sei sie zur Arbeit in einem Lokal am Schrangenplatz gegangen. Am Abend sei S. dort aufgetaucht: „Er war betrunken, ich war sauer und wollte ihn wegschicken. Er sollte verschwinden. Ich habe ihm gesagt, ich werde sein Verhalten nicht mehr tolerieren.“ Sie habe die Beziehung aber nicht beendet, sondern sich gewünscht, dass S. sich Hilfe bei einem Psychologen sucht, so wie er es angekündigt habe. Es gingen SMSen hin und her.

Nach Mitternacht sei S. wieder gekommen, habe ihr gesagt, dass der Tote in der Wohnung liege. „Er wollte weg, ich habe ihn aufgehalten.“ Dann habe S. die Polizei gerufen: „Sonst hätte ich es gemacht.“ Ungewöhnlich wirkte – es war klar, dass es um einen Toten ging –, dass der Anruf bei der Polizei zum Rettungsdienst weitergeleitet wurde, zigmal ist zu hören, der Anrufer solle nicht auflegen.

Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt

S. hat während der Aussage seiner ehemaligen Freundin den Blick gesenkt, unablässig arbeiten seine Hände. Selten schaut er sie an, doch die schaut nur zur Richterbank. Sie sagt: „Es ist zu Ende.“ Sie habe ihn nicht in der Haft besucht. Auch als sie geht, schaut sie nicht zu S. Ihre Wohnung in Lüneburg hat sie aufgegeben. Sie fährt zurück in den Urlaub – Distanz.

Ein Detail am Rande: Richter Kompisch kann sehr ungehalten reagieren. Als im Zuschauerraum ein Handy klingelt, muss die Besitzerin nach vorne kommen. Kompisch brummt ihr ein Ordnungsgeld von 300 Euro auf. Es gehe nicht an, dass eine Zeugin bei einer sehr belastenden Aussage gestört werde.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt, möglicherweise mit den Plädoyers.

Von Carlo Eggeling

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