Bernhard Grybski ist seit einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Der alleinlebende Mann ist verzweifelt, seine Lebensumstände sind dramatisch. Das Sorgentelefon bietet Pflegebedürftigen wie ihm Tipps, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. (Foto: t&w)

Plötzlich ist das Leben ganz bitter

Lüneburg. Bernhard Grybski liegt im Bett, schaut auf die Bilder im Fernsehen, der an der Wand neben dem abgedunkelten Fenster hängt. Da liegt er viele Stunden am Tag und wartet, dass etwas passiert, damit er mehr Unterstützung bekommt. Bernhard Grybski ist halbseitig gelähmt nach einem Schlaganfall, und er ist alleinstehend. Sein Fall beschäftigt inzwischen den Runden Tisch gegen Gewalt in der Pflege, der vom Kriminalpräventionsrat von Stadt und Landkreis 2015 gegründet wurde. Dessen Sorgentelefon bietet pflegebedürftigen Personen wie auch pflegenden Personen Beratung und Hilfe – nicht nur in Gewaltsituationen.

Anfang Januar diesen Jahres sollte ein Schlaganfall Bernhard Grybskis Leben abrupt verändern. Irgendwie schaffte es der allein lebende 75-Jährige noch, die Polizei anzurufen. Er kommt in die Klinik, danach in die Reha. Drei Monate lang, denn er hat sich auch noch eine Infektion eingefangen. Ende April erklärt ihm ein Arzt, dass Grybskis Krankenkasse mitgeteilt habe, sie zahle nur noch bis Freitag, 26. April, Reha-Kosten. Auf Klinik-Kosten könne er aber noch bis Montag bleiben, sagt der Arzt. Wohl wissend, dass der 75-Jährige allein lebt.

Pflegegrad 1 nach Aktenlage entschieden

Der Arzt schlägt ihm eine Kurzzeitpflege vor, damit in der Zeit noch einiges geregelt werden kann. „Aber ich wollte nach Hause“, sagt er starr nach vorne blickend, und es zuckt um seine Mundwinkel. Ein Sanitätsdienst bringt ihn am 29. April dort hin, legt ihn ins Bett. Keiner da, der sich in dem Moment weiter kümmert. Von Bekannten hätte er dann einen Rollstuhl bekommen, sagt er, und dann rinnt eine Träne aus dem rechten Augenwinkel. Die Emotionen überwältigen ihn, als er darüber berichtet, wie er bei den ersten Versuchen, sich vom Bett in den Rolli zu hieven, scheitert. Zweimal landet er auf dem Boden. Hilflos. Er hangelt sich zum Telefon, ruft den Rettungsdienst. Dass es ein Kraftakt bleibt, zeigt sich dann. Grybski schiebt die Körperhälfte Zentimeter um Zentimeter zur Bettkante, stemmt sich mit dem rechten Arm auf den Rolli und zieht den Körper nach. Das Schlafzimmer ist klein, mühsames Manövrieren ist notwendig, um in die Küche zu kommen.

Dort zieht er aus der Schublade ein Schreiben seiner Krankenkasse. Der Sozialdienst der Reha-Klinik hatte an die Krankenkasse noch einen Eilantrag auf Pflegestufe geschickt. Die Kasse schreibt: Bei Ihnen kann eine geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit im Sinne der Pflegeversicherung – Pflegegrad 1 – bestätigt werden. So wurde bei halbseitiger Lähmung aus der Aktenlage heraus entschieden. 125 Euro bekommt er erst einmal pro Monat.

„Selbst sauber machen, Sie sehen ja, geht nicht.“ – Bernhard Grybski

Dass ein Pflegedienst kommt, dafür hat sein Hausarzt aus Barendorf gesorgt, der auch Hausbesuche macht. Der Pflegedienst helfe morgens beim Waschen und Anziehen, übernehme die medizinische Versorgung, berichtet der 75-Jährige. Über den Hausarzt habe er „vermutlich“ auch das Krankenbett und den Toilettenstuhl bekommen. Bekannte kümmern sich manchmal um ihn, Nachbarn kaufen gelegentlich für ihn ein. Mittags gibt es Essen auf Rädern. Und Frühstück und Abendessen? Grybski schaut aus dem Küchenfenster, sein Unterkiefer zittert wieder. „Brote schmieren und so muss ich selber machen, mit einer Hand.“ Dann weint er. „Aber sauber machen, Sie sehen ja, geht nicht. Aber ob ich Pflegegrad 3 oder 4 bekomme? Wer weiß, dann wäre doch sicher mehr Unterstützung möglich?“, sagt er mit fragendem Blick.

Auf die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) wartet der Mann seit gut einem Monat. Auch wenn sie nun endlich erfolgen soll, findet Eleonore Tatge, Kriminalhauptkommissarin und Moderatorin im Kriminalpräventionsrat, den Fall unfassbar. Zum Thema beim Runden Tisch gegen Gewalt in der Pflege wurde er gemacht, nachdem Grybski beim Landkreis angerufen und um Hilfe gebeten hatte. „Ein Mitarbeiter des Landkreises, der am Runden Tisch mitwirkt, hat ihn geschildert. Dort diskutieren wir gerade, wie es möglich wird, mehr Kurzzeitpflegeplätze einzurichten, um so pflegende Angehörige zu entlasten.“ Denn Überforderung kann zu unangemessenen Reaktionen führen.

Hausarzt verhindert noch unwürdigere Situation

Aber Gewalt in der Pflege hat noch viele andere Gesichter. Sie geht von körperlichen Übergriffen, Belästigungen, Vernachlässigung bis hin zur Ausnutzung des Vertrauensverhältnisses. Betroffen davon sein können Menschen, die gepflegt werden wie auch Menschen, die pflegen. Doch viele trauen sich nicht, darüber zu reden beziehungsweise wissen nicht, an wen sie sich in ihrer Not wenden können. Hilfe bei solchen Konflikten bietet das Sorgentelefon, das anonyme und vertrauliche Beratung bietet. Dort gibt es auch Tipps, an welche Institutionen man sich in den unterschiedlichen Situationen wenden kann. Auch in einem Fall von institutioneller Gewalt wie bei Grybski könne das Sorgentelefon Ideen geben und möglicherweise Kontakte für schnelle Hilfen aufgezeigt werden. Zum Beispiel auch übergangsweise ein Kurzzeitpflegeplatz, „von denen es derzeit leider noch zu wenige gibt“. Es gehe aber auch darum, über die Aufgaben und Befugnisse von Betreuern zu informieren. Denn mancher, der deren Unterstützung in Anspruch nehmen könnte, zeigt sich skeptisch. So war das auch bei Grybski, der – wenn nicht sein Hausarzt für ihn manches auf den Weg gebracht hätte – in einer noch unwürdigeren Situation gewesen wäre.

Das Sorgentelefon ist montags von 15 bis 17 Uhr unter (04131) 2873757 besetzt.

Von Antje Schäfer