Der Angeklagte Robert S. behauptet, er sei in Panik geraten, weil er sich von Anton W. bedroht gefühlt habe. Deshalb habe er den Mann in der Silvesternacht getötet. Foto: be

Ein Mord, der ratlos macht

Lüneburg. Der Fall ist so monströs, dass auch der zweite Gutachter ihn als einzigartig bewertet. Am Donnerstag gab Psychiater Frank Wegener eine erste Einschätzung über den Angeklagten ab, der einen Mord mit der Bohrmaschine begangen haben soll. „Der Fall hat mich in meiner Laufbahn am meisten beschäftigt“, sagte der 52-Jährige beinahe ratlos. „Ich konnte einfach keine Erklärung finden zwischen Persönlichkeit und Geschehen.“ Er habe sich – nach Abstimmung mit dem Gericht – mit Fachkollegen beraten: „Geplant war eine halbe Stunde, es wurden drei.“ Doch ob Robert S. überhaupt an einer psychiatrischen Erkrankung leidet, wird der erfahrene Sachverständige vor Gericht vermutlich erst am Freitag darlegen.

Robert S. hat gestanden, in der Silvesternacht in der Wohnung seiner Freundin an der Heiligengeiststraße den 25-jährigen Anton W. mit Messerstichen in Rücken und Hals niedergestochen zu haben, im Anschluss bohrte er dem Sterbenden mit einer Bohrmaschine dreimal ins linke Auge. Der Angeklagte und das Opfer hatten sich an dem Abend in einer Bar kennengelernt.

Grauenvolle Tatortbilder

Im Zuschauerraum sitzen Angehörige und Freunde des Opfers. Sie sahen grauenvolle Tatortbilder und hörten Sätze über Anton, die sich nicht glauben können. Die Familie tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf, deren Anwälte wollten am Donnerstag einen Freund Antons zu Wort kommen lassen, um Eindrücke zurechtzurücken: So hatte die Verteidigung W. mit einer Körperverletzung in Verbindung gebracht.

Der Zeuge sagte: Anton, der in einer Supermarkt Vor dem neuen Tore gearbeitet hatte, habe einen Ladendieb festgehalten, der habe später Anzeige erstattet. Anton, der im Fitnessstudio trainierte und Kickboxen betrieb, sei ausgesprochen friedlich gewesen, eher ausgleichend. Auch mögliche homosexuelle Neigungen, die am ersten Verhandlungstag Thema waren, habe er nicht gehabt.

Die ungeheure Brutalität, mit der S. den 25-Jährigen tötete, ist für andere schwer zu erklären. So wurde die Aussage einer Nachbarin verlesen, die ihn als freundlich und hilfsbereit beschrieb. Seine ehemalige Freundin, mit der er ein gutes Jahr zusammen war, die ihn aber seit der Jugend kennt, sagte: „Auch wenn wir uns gestritten haben, ist er mir nie aggressiv begegnet. Niemals, niemals, niemals. Nicht einmal, wenn er betrunken war, und das war er öfters.“ Sie sei fassungslos gewesen, als sie von der Tat hörte: „Er ist ein offener Mensch, geht auf andere zu.“ Bei Ärger sei er in sich zusammengesackt.

Eine Biografie des Scheiterns

Allerdings sei er auch ein Mann mit Problemen. Sie habe sich von ihm getrennt, weil sie seinen Alkoholkonsum unerträglich fand. Sie schilderte S.‘ Leben: Schulden, weil er den Unterhalt für seinen Sohn aus einer anderen Beziehung nicht bezahlt habe, ständig wechselnde Jobs. Verletzt gewesen sei sie, dass S., von dem sie sich im September 2018 getrennt habe, schon kurz darauf eine neue Freundin gehabt habe – die, in deren Wohnung es zum tödlichen Streit kam.

Auch Gutachter Wegener, der S. viermal im Gefängnis besucht hatte, schilderte S. als freundlichen zugewandten Mann – mit einer Biografie des Scheiterns: Er muss vom Gymnasium zur Realschule wechseln, die verlässt er ohne Abschluss, eine handwerkliche Ausbildung bricht er ebenso nach kurzer Zeit ab, wie die Lehre zum Hotelfachmann. Bei einer kaufmännischen Ausbildung bei einem Motorradhändler klaut er ein Feuerzeug und muss gehen. Bei der Bundeswehr will er vier Jahre als Gebirgsjäger bleiben, nach zwei Jahren ist Schluss. Schließlich schafft er eine Ausbildung. Doch auch da verliert er den Boden unter den Füßen. Jobs bei der Post, dann Mitte 2018 der Wechsel nach Lüneburg. Stellen in drei Lokalen. Auch hier fliegt er raus.

Mit Kollegen sei er bestens ausgekommen

Wegener berichtete, dass S. die Gründe für die Wechsel bei den Chefs sah. Mit Kollegen sei er bestens ausgekommen, mit Vorgesetzten nicht. Den Grund hatte er selbst geliefert: S. kam entweder gar nicht oder zu spät zur Arbeit – wegen Alkohol. Dem Gutachter gegenüber versicherte er, dass er sein Trinken im Griff gehabt habe.

Angeblich, so hatte es S. Wegener gesagt, seien er und seine Freundin, eine 19 Jahre alte Lehramtsstudentin, sehr glücklich gewesen. Sie halte auch jetzt zu ihm. Die junge Frau sollte am Donnerstag als Zeugin gehört werden, kam aber nicht, weil sie umgezogen ist und die Ladung möglicherweise nicht erhalten hatte. Dass sie gerade auf Sylt Urlaub macht, wusste der 33-Jährige scheinbar nicht. So bleibt abzuwarten, was die Freundin der Kammer am Freitag berichtet.

Von Carlo Eggeling

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