Samstag , 26. September 2020
Ob für den wiederholten Diebstahl wie auf diesem gestellten Bild oder für andere Vergehen, bislang dauerte es Monate, bis ein Jugendlicher oder Heranwachsender für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wurde. Das soll sich ändern. Foto: Adobe Stock

Die Strafe soll auf dem Fuße folgen

Lüneburg. Strafanzeige bei der Polizei, Vernehmen von Zeugen, Anklage, Ladung des Beschuldigten – 1400 solcher Verfahren gegen Jugendliche gebe es jährlich in Stadt und Landkreis Lüneburg, verdeutlicht Oberstaatsanwalt Gerhard Berger. Dabei vergehen zwischen Tat und Verhandlung im Schnitt vier bis sechs Monate. Dieser Zeitraum sei deutlich zu lang. Zur Beschleunigung von Jugendstrafverfahren wurde deshalb jüngst das Lüneburger „Haus des Jugendrechts“ installiert – eine Kooperation zwischen der Staatsanwaltschaft, der Polizei, des Amtsgerichtes sowie von Stadt und Landkreis.

Sitz im Altbau der Staatsanwaltschaft

Als Heimat dient der Altbau der Lüneburger Staatsanwaltschaft. „Seit die Stiftung Opferhilfe letztes Jahr hier ausgezogen ist, war dieser Teil des Gebäudes ungenutzt“, erzählt Berger. „Für das Haus des Jugendrechts konnten wir also problemlos einen Besprechungsraum und mehrere Büroräume einrichten.“

Vernehmungen, Gespräche mit dem Jugendrichter sowie die Auferlegung der Strafe fänden im günstigsten Fall nun unter einem Dach statt. Berger: „Durch verkürzte Verfahrenswege folgt die Strafe auf dem Fuß. So können wir kriminelle Karrieren im Keim ersticken.“

Kernbestandteil des Modells seien wöchentlich stattfindende Fallkonferenzen. „Während dieser Besprechungen listet uns die Polizei alle Straftaten auf, die innerhalb der vergangenen sieben Tage von Kindern und Jugendlichen begangen worden sind. Bei größeren Fällen informieren wir sofort das Jugendamt, das dann Kontakt zum Beschuldigten aufnehmen kann.“ Im Optimalfall vergehen dann zwischen Tat und ersten Maßnahmen 72 Stunden – das sei eine erhebliche Verbesserung. Berger erläutert: „Zum einen ist es wichtig, dass wir schnell Hilfe leisten können. Aber zum anderen haben Jugendliche ein völlig anderes Zeitgefühl, da ist ein halbes Jahr eine halbe Ewigkeit.“ Schon oft sei vorgekommen, dass Jugendliche sich gar nicht mehr genau an die Tat erinnern könnten, wenn das Verfahren zu lange dauerte.

2018 haben mehr als 300 Kinder Straftaten begangen

Die Konferenzen machten auch eine gezielte Prävention möglich: „Das Jugendstrafrecht gilt erst ab dem Alter von 14 Jahren. In einigen Fällen ist das leider schon zu spät.“ Im Jahr 2018 hätten mehr als 300 Kinder Straftaten begangen – bei diesen Kindern sei meistens eine ähnliche Historie in der Familie oder den sozialen Kontakten erkennbar. „Da muss man sich dann die Zeit nehmen, nicht nur die Straftat als Einzelne zu sehen, sondern das große Ganze zu betrachten“, findet der Oberstaatsanwalt. Während das Gericht solche Kinder erst mit 14 zur Rechenschaft ziehe, könne das Jugendamt schon früher einschreiten. Das sei nicht nur im Interesse der Betroffenen: „Jeder Jugendliche, der nicht straffällig wird, spart den Steuerzahlern Unmengen an Geld“, betont Berger. Mit jugendpädagogischer Begleitung könne man verhindern, dass Diebstähle begangen und öffentliches Eigentum zerstört werde. Nicht die Strafe stehe beim Jugendstrafrecht im Vordergrund, sondern eine Maßnahme zur Erziehung. „Unsere Aufgabe ist es, für jeden die richtige Maßnahme zu ermitteln.“

Sicherheitsgefühl der Bürger soll gestärkt werden

Durch schnellere Verfahren erhoffen sich die Initiatoren auch eine Steigerung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung. Zudem sei es auch für Beschuldigte selbst oft eine enorme Entlastung, wenn zwischen den einzelnen Ermittlungsschritten nicht Wochen vergingen. „Ein Verfahren gegen sich laufen zu haben, zehrt ungeheuer an den Nerven. Das wollen wir besonders bei Jugendlichen vermeiden.“

In Niedersachsen seien zunächst fünf solcher Einrichtungen geplant, sie sind Bestandteil des Koalitionsvertrages der Landesregierung.

Von Josephine Wabnitz