Dienstag , 29. September 2020
Dämmen und noch mehr dämmen: Die Vorschriften treiben die Baukosten an, sagen Kritiker. (Foto: nh)

DIN-Dickicht und andere Kostentreiber

Lüneburg. Wer bauen will, muss heute nicht nur über viel Geld verfügen, sondern auch Geduld und starke Nerven haben. Bundesweit gibt es mehr als 60 000 Bauvorschriften und gut 3700 für das Bauen relevante DIN-Normen. Energieeinsparverordnung, Brand- und Lärmschutz, Nachbarschutz, Abstandsflächenrecht – fast alles ist ein- oder gleich mehrfach geregelt.

„Es darf nicht sein, dass Bürokratie zum Handicap für private Bauherren wird“, sagt Dr. Jörg Koschate. Er ist Vorstandsmitglied der BHW Bausparkasse. Laut einer BHW-Umfrage wünschen sich 28 Prozent aller Deutschen eine eigene Immobilie. Bei den bis 40-Jährigen sind es mit 51 Prozent fast doppelt so viele. Doch die Bürokratie schreckt viele Bauinteressierte ab. 63 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass kleinliche Auflagen und lange Wartezeiten ihren Hausbau verzögern werden. „Diese Hürden müssen dringend beseitigt und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, um mehr junge Menschen zur Investition in Eigentum zu ermutigen“, betont Koschate.

Experte für weniger Bauvorschriften

Vor allem aber treiben die Vorschriften die Baukosten auch in Lüneburg in die Höhe. „Wir müssen zurück zum gesunden Menschenverstand“, sagt der Bauexperte Andreas Becher. Viele Verordnungen seien für sich genommen zwar wichtig und richtig, aber immer mehr und dickere Dämmung sorge nicht für die gewünschte CO₂-Reduzierung.

Das sieht auch Oliver Struß so, Chef einer Zimmerei und Holzbau-Firma. „Wir müssen heute schon für Belüftung sorgen, damit wir bei den Arbeiten in einem modernen, extrem gedämmten Haus nicht ersticken.“ Zudem müsse man Herstellung und Transport des vielen Dämmmaterials dazurechnen, das verschlechtere die Klimabilanz, sagt der Heiligenthaler.

Der Experte Prof. Dr. Michael Voigtländer plädiert im Gespräch mit der LZ für eine Reduzierung der Bauvorschriften: „Man sollte überlegen, welche Normen weggelassen werden können und wo man statt konkreter Vorgaben nur Ziele ins Auge fasst.“ Als Beispiel nennt er die Niederlande. „Die haben das gemacht und große Erfolge damit erzielt.“ Auch er moniert die Regelungen im energetischen Bereich. „Die Vorschriften, die in den vergangenen Jahren hinzugekommen sind, bringen energetisch und klimatechnisch relativ wenig, haben die Kosten aber deutlich erhöht. Es wäre besser, wenn wir uns stärker darauf konzentrieren, die Energieeffizienz der vorhandenen Bauten zu verbessern. Das würde für den Klimaschutz mehr bringen.“

„Hersteller haben zu viel Einfluss“

Zudem habe jedes Bundesland eine eigene Landesbauordnung. Das mache es überregional tätigen Projektentwicklern schwer, das gleiche Gebäude in unterschiedlichen Ländern zu bauen. „Als ersten Schritt sollte eine Musterbauordnung angegangen werden – auch wenn es unterschiedliche Interessen und Deutungshoheiten in den Ländern gibt“, betont Voigtländer.

Auch die Flut von DIN-Normen ist ein Grund, warum Bauen immer teurer wird. Deshalb wurde ein DIN-Sonderpräsidialausschuss gegründet. Dirk Salewski ist Mitglied dieses Ausschusses. Er will Wildwuchs verhindern und ist der Ansicht, dass Hersteller oft direkten Einfluss auf die Normierung von Bauteilen nehmen und so neue und teurere Produkte auf dem Markt platzieren können. Er nennt gegenüber der „Welt“ als Beispiel die Einflussnahme eines Fensterherstellers. „Mit DIN 18008 wird ein Dachflächenfenster mit Sicherheitsglas 21 Euro teurer. Natürlich ist so ein Fenster sicherer, wenn man dagegen rennt. Aber wie viele Menschen machen das denn?“

Welche Normen, Bauvorschriften oder Vorgaben sollten noch wegfallen?

Dem Adendorfer Bauunternehmer Matthias Gödecke fällt sofort eine erst zum Jahresanfang in Kraft getretene Bauvorschrift ein: Danach muss in einem Gebäude mit mehr als vier Wohneinheiten jede Wohnung barrierefrei sein. „Das ist unnötig und verteuert das Bauen enorm. Selbst wenn nicht sofort ein Fahrstuhl eingebaut wird, muss zumindest sichergestellt werden, dass später einer eingebaut werden kann – zusätzlich zum Treppenhaus.“ Auch bei den DIN-Normen gibt es viele Ärgernisse. Es komme schon mal vor, dass sich Experten verrechnen, die Norm später aber trotzdem beibehalten wird.

Aber es gebe auch sehr viele Kleinigkeiten, die ins Geld gehen. So verlangen Versorgungsunternehmen für eine Sohlen-Durchführung die Verwendung eines radondichten Rohres. Früher lagen die Kosten für ein normales Rohr im Centbereich, nun sind es rund 700 Euro.

Fixierung auf Dämmung

Auch Manfred Schulte, Chef der Schulte Bauregie GmbH, ist alles, nur nicht begeistert vom Vorschriften-Dickicht. Die Baukosten hätten sich in wenigen Jahren verdoppelt. Einen Teil davon machen die extremen Dämm-Vorschriften aus. Seit 2012 müssten Lüftungsanlagen eingebaut werden. Der Lüneburger kritisiert auch die „überzogenen“ DIN-Vorschriften.

Ein gewichtiger Kostentreiber für Bauherren seien aber die stark gestiegenen Grundstückspreise. „Die Kommunen weisen zu wenig Bauland aus“, moniert Schulte. Auch für eine andere kommunale Vorgabe hat er wenig übrig: „Pro Wohnung müssen 1,5 Stellplätze vorhanden sein.“ Das mache es oft unmöglich, sehr gesuchte, kleinere Wohnungen anzubieten. „Ich könnte aus einer 100-Quadratmeter-Wohnung zwei mit 50 Quadratmetern machen, aber es gibt in der Regel nicht genug Stellplätze.“ Anders ausgedrückt: Bei vier 50er-Wohnungen müsste es sechs Stellplätze geben, bei zwei 100er-Wohnungen nur drei.

Die hohen Baukosten und der Mangel an Bauland dürften ein Grund dafür sein, dass im vergangenen Jahr bundesweit nur 285 900 Wohnungen neu gebaut wurden. Diese Zahl veröffentlichte vergangene Woche das Statistische Bundesamt. IG BAU-Chef Robert Feiger sprach von einem wohnungsbaupolitischen Armutszeugnis. Die Messlatte liege ab jetzt bei 400 000 Wohnungen pro Jahr, die bis 2021 neu gebaut werden müssten.

Von Werner Kolbe