Donnerstag , 29. Oktober 2020
Mit Hunden durchsuchte die Polizei die Wohnung eines Verdächtigen in Kaltenmoor. Welche mögliche Rolle er bei der Schießerei spielt, bleibt offen. (Foto: be)

Kaltenmoorer Schüsse hallen nach

Lüneburg. Die Schießerei von Kaltenmoor beschäftigt das Landgericht zum zweiten Mal. Nachdem der Prozess vor der 4. Großen Strafkammer im vergangenen November aufgrund der Erkrankung des Vorsitzenden Richters platzte, soll das Verfahren im August aufgerollt werden. Das bestätigte jetzt Gerichtssprecherin Susanne Ehret. Dann müssen sich die Angeklagten Mohamed E. und Farrid M., 23 und 26 Jahre alt, dem Vorwurf des versuchten Mordes in sieben Fällen stellen. Die Anklage legt ihnen zur Last, dass sie Anfang April 2018 am St. Stephanus-Platz aus einem Audi heraus auf eine Gruppe junger Männer geschossen haben sollen. Ein Mann war lebensgefährlich verletzt zusammengebrochen. Ärzte konnten ihn in einer Notoperation retten.

Keine Schmauchspuren auf Fahrerseite

Inzwischen tauchen Beteiligte aus dem Verfahren in Zusammenhang mit anderen Ermittlungen der Polizei auf. Offiziell will man dazu keine Stellung nehmen. Doch aus Ermittlerkreisen ist zu hören, dass es eine Verbindung zu einer Schießerei vor wenigen Tagen in Uelzen gab. Auch sei Mohamed E. bei Kontrollen aufgefallen.

Im Prozess vor dem Landgericht hatte sich gezeigt, dass die ursprüngliche Anklage eigentlich einer Überarbeitung bedürfte. So bestehen Zweifel, ob der 26-Jährige überhaupt im Wagen saß. Farrid M. war in der Tatnacht gemeinsam mit Freunden in Hamburg in eine Zollkontrolle geraten. Es wäre zwar genug Zeit gewesen, von Lüneburg nach Hamburg zu fahren. Doch ob dies der Fall war, bleibt vage. Ebenfalls fraglich scheint, ob Mohamed E., der wahrscheinlich hinterm Lenkrad saß, geschossen haben kann. Denn laut eines Sachverständigen wurden rund um Fahrersitz und Seitenfenster keine Schmauchspuren gesichert. Der Vorwurf der Beihilfe bliebe bestehen.

Unterband der Zoll einen Drogendeal?

Der Hintergrund für die Schüsse von Kaltenmoor soll ein geplatztes Drogengeschäft gewesen sein. Der Zoll hatte Monate zuvor an der deutsch-holländischen Grenze einen VW mit Lüneburgern gestoppt, die unter anderem Marihuana und weit mehr als 10 000 Euro Bargeld dabei hatten. Ein zweiter Wagen konnte entkommen, weil die Fahnder nur mit einem Kontrollfahrzeug vor Ort waren. Am Steuer dieses BMW einer Leihwagen-Firma könnte Mohamed E. gesessen haben, vermuten Ermittler.

Drogengeschäfte spielen in dem gesamten Verfahren eine Rolle. Während der Verhandlung gerieten andere Verdächtige mit Kontakt zur Szene in den Blick. Mehrfach fiel der Name Aslan H., Zeugen hatten den jungen Mann als Schützen bezeichnet. Doch er konnte widersprüchliche Alibis vorweisen. Näher überprüft wurden sie bislang nicht.

Ebenfalls im Visier als möglicher Schütze: Nelson L. Er war in der Tatnacht in Kaltenmoor, geriet vor der Schießerei mit einigen aus der Gruppe aneinander, soll auch in Höhe des Autos gestanden haben, aus dem die Schüsse fielen. Bevor er vernommen werden konnte, war der Prozess geplatzt.

Nelson L. fiel Mitte Mai in Uelzen auf. Dort war es in einem Shisha-Shop zu einer blutigen Auseinandersetzung gekommen. Drei Männer hatten den Laden betreten, darunter nach jetzigen Erkenntnissen: Nelson L. Das Trio und der Sohn des Ladenbesitzers sollen in Streit geraten sein, der junge Mann wurde mit einem Messer an der Hand verletzt. Schließlich fiel ein Schuss, wahrscheinlich habe Nelson L. in den Boden geschossen, so Beamte. L. konnte flüchten.

Bluttat in Uelzener Shisha-Bar

These der Ermittler: In Uelzen könnten angeblich Schulden das Motiv sein, vielleicht auch Drogen. L., der als „schlagkräftig“ gilt, werde gern mitgenommen, wenn es darum geht, Positionen sehr eindeutig zu vermitteln. Wie gesagt, Spekulationen.

Keine Anhaltspunkte hat die Polizei, dass die Brandstiftung in einer Shisha-Bar an der Julius-Leber-Straße im November mit den Schüssen am Stephanus-Platz in Verbindung stehen. Wie berichtet, hatten Unbekannte das Lokal angesteckt. Angehörige der Betreiberfamilie waren in dem Schießerei-Verfahren als Opfer und Zeugen aufgetreten. Nach dem Brand wurde im Stadtteil von Wettgeschäften und der Türsteher-Szene gemunkelt.

Wenn der Kaltenmoorer Prozess im Sommer erneut startet, dürften die neuen Erkenntnisse von Beginn an wohl einfließen. Die Kammer könnte die Polizei mit neuen Ermittlungen beauftragen.

Von Carlo Eggeling