Donnerstag , 1. Oktober 2020
Agnes Schürmann, Gudrun Lehmbeck und Stefanie Vollmer (v.l.) versorgen mit der einheimischen Hebamme Maimuna Jawara ein Baby, das in einem Inkubator liegt. Den Apparat, der in Lüneburg ausrangiert wurde, hat das Klinikum gespendet. Foto: asb

Große Hilfe in einem kleinen Krankenhaus

Lüneburg. Agnes Schürmann ist eine erfahrene Anästhesistin. Wenn sie im Lüneburger Klinikum im OP steht, weiß sie, dass sie im Zweifel auf Kollegen zurückgreifen kann: Es gibt eine Intensivstation, das Uni-Klinikum in Hamburg-Eppendorf. „In Gambia ist das ganz anders, da bist du allein“, sagt die 42-Jährige. Die Technik, die in deutschen Kliniken Standard ist, hat sie dort nicht: „Es gibt dort keine Highend-Medizin, als Arzt muss man sich auf seine Grundkompetenzen verlassen: Sehen, Hören, Fühlen.“ Und entscheiden. Trotzdem hat sie jetzt in Afrika gemeinsam mit Kollegen Menschen helfen können, die sonst möglicherweise nicht überlebt hätten. Zum dritten Mal hat sie als Freiwillige in einem kleinen Krankenhaus gearbeitet, das der Lüneburger ASB seit seiner Gründung begleitet.

Projekt „Face“ zum 13. Mal

Die LZ hat bereits über das Face-Projekt berichtet. Der Oldenburger Klinikchef für Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie, Privatdozent Dr. Dr. Lei Li, ist vor Kurzem mit ehrenamtlich arbeitenden Ärzten, Notfallsanitätern und Krankenschwestern zum 13. Mal in die westafrikanische Stadt Serekunda geflogen, um vor allem jungen Patienten zu helfen. Mit im elfköpfigen Team war auch die Lüneburgerin Stefanie Vollmer, die im ASB-Rettungsdienst arbeitet.

„Wir haben Kiefer-Lippen-Gaumenspalten, Tumore, Kontrakturen nach Verbrennungen und Kieferklemmen operiert“, sagt Agnes Schürmann. Kieferklemme bedeutet, dass Patienten ihren Mund nicht mehr öffnen können, nur noch über einen Spalt können sie Flüssigkeit oder Brei in sich hineinschlürfen. „Solche Klemmen entstehen etwa bei Frakturen des Kiefers, die Brüche heilen und verknöchern.“ In drei Fällen wurde Kindern der Unterkiefer entfernt, mit dem Ziel, ihn wieder neu aufzubauen. Das geht manchmal erst beim nächsten Besuch der deutschen Ärzte – also in einem Jahr. Manche Leiden bringen die Mädchen und Jungen bereits bei der Geburt mit auf die Welt. Doch während in Deutschland früh Korrekturen möglich sind, ist das in Westafrika für viele unerschwinglich, sie können keinen Arzt bezahlen. Dazu kommen Brandverletzungen: Gekocht wird auf offenem Feuer, beim Spielen fallen Kinder in die Flammen. Oftmals tragen sie synthetische Fasern, die sich in die Haut brennen.

ASB stellt das einzige Krankenhaus

300 Menschen seien zum Teil über Hunderte von Kilometern angereist, in der Hoffnung, dass die Mediziner ihnen helfen. Manche vergeblich, berichten die Lüneburgerinnen, denn Erkrankungen seien zu weit fortgeschritten gewesen. Schon bei ihrem ersten Einsatz vor fünf Jahren hatte Agnes Schürmann sehr anschaulich erklärt, wie es um die medizinische Versorgung in Gambia bestellt ist, das ähnlich viele Einwohner wie Hamburg mit 1,8 Millionen Menschen besitzt: „Hamburg hat 47 Krankenhäuser, Gambia eines, das des ASB.“ Noch ein Vergleich: Im Lüneburger Klinikum kamen im vergangenen Jahr 1690 Kinder zur Welt, in den vier Entbindungsbetten in Serekunda, die auf 35 Quadratmetern stehen, waren es 90 mehr.

Die Lüneburger kamen mit reichlich Gepäck. Jeder brachte einen Zentner an Geräten, Medikamenten und Verbandsmaterial mit. All das fehlt in Gambia. Schon vorher haben sie einen Container mit Geräten gepackt. Das Lüneburger Klinikum hat ausgemusterte, aber funktionsfähige Apparate gestiftet: Monitore, ein Beatmungsgerät für Säuglinge und Inkubatoren, also sozusagen Brutkästen. Dafür seien die Afrikaner sehr dankbar.

Es geht nicht nur um entstellte Gesichter

56 Patienten habe man binnen zwölf Tagen operiert, dazu 158 mit lokaler Anästhesie ambulant behandelt. Das gehe nur, weil Gudrun Lehmbeck aus St. Dionys gute Vorarbeit leistet. Sie hat die Health Clinic, die Gesundheitsstation, Mitte der 90er Jahre mitaufgebaut und leitet sie. „Gudrun sichtet die Patienten, schickt uns vorher Informationen“, erzählt Stefanie Vollmer. So könne man konzentriert arbeiten. Manche Operation habe mehr als sechs Stunden gedauert.

Es geht nicht nur um entstellte Gesichter. Die Medizinerinnen zeigen Fotos eines Mädchens, das einen großflächig verbrannten Rücken hat. Die Verletzungen reichen weiter bis zum Bauch. Das Narbengewebe habe innere Organe des Kindes quasi abgeschnürt – Lebensgefahr. Ärzte trennten die Geschwulste ab, transplantierten Haut. Eine Chance.

Kampf gegen gefährlichen Aberglauben

Die Hilfe der Mediziner aus Niedersachsen ist noch aus einem anderen Grund lebenswichtig: Die Helfer berichten, dass in Gambia der Schamanismus verbreitet ist und damit der Glaube, dass Kinder, die entstellte Gesichter haben, von bösen Geistern besessen sein könnten. Das kann gefährliche Folgen haben: Kinder werden ausgesetzt, kommen um. Die Operationen wirken auch in diesem Sinne heilend.

Mit dem Rückflug ist die Unterstützung nicht zu Ende. In Gambia versorgt das Krankenhaus, das über Spenden finanziert wird, die Patienten weiter so gut es geht. Die Mitarbeiter können bei Fragen und der Analyse von Proben auch auf Hilfe aus Deutschland setzen.

Für die Kinder sind die Behandlungen fast umsonst – die Familien, die am Krankenhaus lagern, kochen für die Helfer ein Mittagessen. Erwachsene müssen einen kleinen Obolus entrichten.

Für Agnes Schürmann, die eine Woche in Lüneburg von ihrem Dienst freigestellt wurde und eine Woche Urlaub genommen hat, ist ebenso wie für Stefanie Vollmer, die sogar fünf Wochen „Ferien“ in Gambia investierte, klar, dass sie wieder nach Afrika wollen. Zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln und wie glücklich ihre Familien sind, sei ein großes Geschenk.

Von Carlo Eggeling

Das Projekt finanziert sich über Spenden. Wer helfen möchte, kann einen Beitrag überweisen auf das Konto bei der Sparkasse Lüneburg. IBAN: DE48 2405 0110 0000 031344.