Freitag , 23. Oktober 2020
Schimmel kann viele Ursachen haben. Sind große Flächen in der Wohnung oder im Haus betroffen, führt der Weg an einer Fachfirma nicht vorbei. Foto: A

„Jeder dritte bis vierte Neubau ist von Schimmel betroffen“

Lüneburg. Ob Alt- oder Neubau: Viele Menschen haben mit Schimmel in den eigenen vier Wänden zu kämpfen. Das ist nicht nur optisch ein Problem, sondern kann auch gesundheitliche Folgen haben. Umso wichtiger ist es, den Ursachen auf den Grund zu gehen – und die richtige Vorsorge zu treffen. Austauschreporter Oliver Brandt hat sich mit René Werner, dem Lüneburger Baubiologen vom Sachverständigenbüro Heidelberg & Werner, über Schimmelpilze unterhalten.

Schimmelpilz in der Wohnung verursacht bei vielen Menschen Panik. Zu Recht?
René Werner: Schimmelpilze werden in Verbindung gebracht mit Symptomatiken wie Schleimhautreizungen, asthmatischen Reizungen, Kopfschmerzen, Husten oder Rachenproblemen. Daher kann ich es schon verstehen, dass manche Menschen beunruhigt sind. Zumal Schimmelpilzbefall in den Räumen natürlich nichts zu suchen hat und ein hygienisches Problem darstellt.

Es gibt mehr als 100.000 Schimmelpilze – sind die alle gefährlich?
Nein, soweit man heute weiß, sind es nur einige wenige, bei denen man herausgefunden hat, dass sie ein erhöhtes Allergen-Potenzial haben und Gifte bilden. In Häusern treten etwa 100 typische Schimmelpilze auf. Davon stehen einige im Verdacht, klinisch relevant zu sein.

Also braucht man sich gar nicht so große Sorgen zu machen?
So allgemein kann man das auch nicht sagen. Selbst wenn in einer Wohnung ein Schimmelpilz auftritt, bei dem eine akute Gesundheitsgefahr nicht bekannt ist, wird auch dies zum Problem, wenn die Befallsgröße sich auf ein bis zwei Quadratmeter ausbreitet. Ist jemand diesen Sporen eine längere Zeit ausgesetzt, kann er sich durchaus sensibilisieren und, wenn es unglücklich verläuft, daraus eine Allergie entwickeln.

Ab welcher Größe wird ein Befall denn wirklich ernst?
In dem Leitfaden des Umweltbundesamtes ist eine Bewertungshilfe festgelegt, die besagt: Oberflächenschäden bis 20 Quadratzentimeter werden als geringfügiger Befall eingestuft. Bei einer bis zu einem halben Quadratmeter großen Fläche ist von einem mittleren Befall die Rede, darüber spricht man von einem großen Befall, besonders wenn tiefere Schichten betroffen sind. Alles, was über einen geringfügigen Bereich hinausgeht, sollte von eine Fachfirma entfernt werden.

Wie schnell wachsen diese 20 Quadratzentimeter an?
Das kommt auf die Ursache an. Welche Wachstums- und Klimabedingungen findet der Schimmelpilz vor, hat er genug Nährstoffe, ist der Feuchtigkeitsgehalt in einem optimalen Bereich? Sollten die Voraussetzungen stimmen, kann sich der Schimmel sehr schnell ausbreiten.

Das heißt konkret?
Jede Pilzspezies wächst in einem individuellen Feuchtebereich, der die Intensität des Wachstums bestimmt. Schimmelpilze können Nährstoffe aus Baumaterialien nutzen oder solche, die mit dem Hausstaub verbreitet werden. Eine Befallsgröße von bis zu 20 Quadratzentimetern kann bereits nach sieben bis 14 Tagen erreicht sein.

René Werner. Foto: Heidelberg

Kleinere Befälle kann jeder selbst entfernen, mit welchem Mittel?
Mit 80-prozentigem Alkohol. Sie können sich auch ein Schimmelpilz-Entfernungsmittel auf Wasserstoffperoxid-Basis kaufen. Bitte nicht auf Chlor-Basis, das Chlor ist vermutlich giftiger als der Pilz selbst. Bei einer glatten Oberfläche können sie den Schimmel einsprühen und abwischen. Befindet sich der Pilz auf einer Tapete, empfehle ich, sie in diesem Bereich abzunehmen. Schimmelpilze können sich auch in tiefere Schichten ausgebreitet haben. Grundsätzlich sollte aber auch bei kleineren Befällen die Ursache klar sein. Liegt ein Feuchteschaden vor, kommt der Schimmel immer wieder.

Wie viele Häuser oder Wohnungen in der Region sind von Schimmel befallen?
Es ist ein Problem, das stetig zunimmt. Experten gehen heute davon aus, dass jeder dritte bis vierte Neubau befallen ist. Beim Altbau ist ein sukzessives Wachstum ebenfalls vorhanden, weil oftmals Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden, die ein Schimmelpilzwachstum begünstigen. So werden im Zuge von Wärmedämmungsmaßnahmen neue Fenster in alte Gebäude eingesetzt – ohne die Fassade zu dämmen.

Jeder dritte bis vierte Neubau?
Mittlerweile muss alles immer schneller gehen. Häuser werden teilweise in wenigen Monaten hochgezogen. Die Folge ist eine viel zu hohe Restfeuchtigkeit im Baukörper. Läuft es schlecht, kann das zum Kollaps führen. Die Probleme können schon während der Bauphase auftreten. Da wird der Estrich verlegt, Gipsputz aufgebracht, die Bodenluke nicht richtig geschlossen, und die Gipskartonplatten sind auch schon dran. Die saugen im Obergeschoss die freigesetzte Feuchtigkeit auf. Schimmelpilzbefall ist dann kaum noch zu vermeiden, weil Grundlegendes nicht beherzigt wird. Wir haben schon Dachstühle vorgefunden, die komplett befallen waren.

Ist es möglich, auch im Nachhinein noch Vorsorge zu betreiben?
Es besteht jederzeit die Möglichkeit, eine Lüftungsanlage einzubauen oder Maßnahmen zur Trocknung durchzuführen. Selbst durch eine geregelte Fensterlüftung kann die Feuchtigkeit sehr gut abgelüftet werden.

Wie mache ich die Ursache am schnellsten aus?
Mit einem Sachverständigen für Schimmelpilzschäden, der sämtliche Parameter prüft: die Innenluft, Oberflächentemperaturen der Wände, Baufeuchte des Mauerwerks. Und es muss ermittelt werden, ob es Hinweise auf ein unzureichendes Nutzerverhalten gibt. Das sind alles Faktoren, die man als Laie gar nicht erkennen kann oder nicht wahrhaben möchte.

Ein Vorwurf ist ja der, nicht richtig zu lüften. Ist dem so?
Es gibt tatsächlich viele kondensationsbedingte Schäden aufgrund von unzureichendem Heiz- und Lüftungsverhalten. Aber meistens ist es ein Zusammenspiel zwischen Nutzerverhalten und baulichen Gegebenheiten.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Wir kommen oft in Situationen, in denen es heißt, dass hier nicht richtig gelüftet oder geheizt wird. Das sind Mieter-Vermieter-Probleme, bei denen wir die Ursache definieren müssen. Dabei sollte weniger die Schuldzuweisung im Vordergrund stehen, sondern die Lösung des Problems. Wir kennen extreme Fälle in beide Richtungen. Es gibt Vermieter, die bei eindeutigen Wasserschäden zunächst den Befall auf das Nutzerverhalten schieben. Es gibt aber auch oft Mieter, die nicht akzeptieren möchten, dass ihr Verhalten ursächlich ist.

Haben Sie Tipps für das richtige Lüften?
Man sollte mindestens dreimal am Tag fünf bis zehn Minuten querlüften, also pro Raum ein Fenster sperrangelweit öffnen. Ebenso die Türen. So wird die Luft in der Wohnung einmal komplett ausgetauscht.

Und das reicht?
Es ist ganz wesentlich, dass ich für aufgewärmte Räume sorge. Dann können sich die Außenwände entsprechend erwärmen und ich kann einer Kondensationsproblematik vorbeugen. Bleiben die Außenwände kalt, steigt das Risiko eines Schimmelpilzbefalls. Und auch wenn es einem häufig eingeredet wird: Wer konstant heizt und dreimal täglich lüftet, hat keine wesentlich höheren Energiekosten, als wenn am Abend eine komplett ausgekühlte Wohnung aufgeheizt werden muss.

Von Oliver Brandt