Dienstag , 20. Oktober 2020
Mit einer großen Benefiz-Versteigerung der Exponate endet das Projekt „Modellieren mit Flüchtlingen“ am 2. Juni im Hof-Atelier von Angela Stehr in Tespe. (Foto: bau)

Erlebnisse in Ton geformt

Tespe. Die Kunst liegt Angela Stehr im Blut. Der Blick in ihr Hof-Atelier in Tespe mit ihren Bildern und Werken aus Acryl, Öl, Kreide oder Ton zeugt von Leidenschaft, Fantasie und Kreativität. Doch das ist nur die eine Seite der 61-Jährigen. Die andere ist ihr großes Herz und ihr soziales Engagement für ihre Mitmenschen.

So initiierten sie und ihr Mann Uwe 2014 mit Unterstützung der Kirchen in der Elbmarsch, weiteren ehrenamtlich Tätigen und der Samtgemeinde das Kunstprojekt „Modellieren mit Flüchtlingen“. Das findet an diesem Sonntag, 2. Juni, mit einer Benefiz-Veranstaltung im Hof-Atelier an der Lüneburger Straße 88A ihren Abschluss.

Angela Stehr blickt auf „bewegende und berührende Kursjahre“ zurück. „Das Projekt haben wir damals als Reaktion auf die Pegida-Bewegung in Dresden ins Leben gerufen “, berichtet sie. Es sei wichtig, beim Thema Integration gegenseitige Offenheit, Toleranz und ein gelebtes Miteinander zu zeigen. „Wir alle wollten damals einen Raum schaffen, in dem Flüchtlinge in der Elbmarsch kreativ sein konnten, sich begegnen, aber auch ohne vorhandene Sprachkenntnisse uns Einheimische kennenlernen konnten.“ Das ist eindrucksvoll gelungen.

Ein mühsamer Lernprozess

Zweimal im Monat trafen sie junge Männer aus Eritrea, Somalia, Afghanistan, Pakistan, dem Irak, Iran und Sudan mit Deutschen, um ihre Erlebnisse und Gedanken in Ton zu formen. „Wir haben uns anfangs mit Händen und Füßen unterhalten, gesprochen haben in vielen Fällen die entstandenen Exponate selbst“, sagt Angela Stehr. Bei aller Begeisterung für die Kreativität der meisten Kurs-Teilnehmer verschwieg sie nicht, dass es auch Schwierigkeiten gab. „Es war ein mühsamer Lernprozess für viele Flüchtlinge, dass sie nicht nur konsumieren, sondern sich selbst zu engagieren und bewusst mitzumachen.“ Doch Angela Stehr ist sich sicher, „dass einige in der Zeit gelernt haben, dass regelmäßige Beteiligung am alltäglichen Leben in der neuen Heimat Chance und Basis für ein integriertes Leben sein kann.“

Herausgekommen sind in den Kursen eindrucksvolle Werke – gefühlvoll, dramatisch, unkonventionell. Skurrile Figuren mit kulturellem Hintergrund wirken ebenso faszinierend wie die einfache Wasserflasche oder wunderbare Tierdarstellungen von Männern aus dem Ostsudan, die nie zuvor modelliert haben. „Oft manifestiert sich in der Kunst eine Aussage aus dem Unterbewusstsein: Bei der Flüchtlingskunst spiegelt beispielsweise mancher modellierte Kopf bedrückende Erfahrungen der Flucht wider“, erklärt die ausgebildete Restauratorin.

155 der entstandenen Exponate werden nun präsentiert und für den guten Zweck versteigert. An diesem Sonntag, 2. Juni, findet von 10.30 bis 14 Uhr unter der Schirmherrschaft von Samtgemeindebürgermeister Rolf Roth eine große Benefiz-Veranstaltung im Hof-Atelier in Tespe statt. Zudem werden ehrenamtlich Tätige Kulinarisches für eine Spende anbieten.

Erlös an Kinderprojekt der Flüchtlingshilfe

Für den musikalischen Rahmen sorgt die Shiny Stockings Big Band aus Geesthacht. Wenn die Musiker zum Swing aufspielen, dann wird Angela Stehr ihre Gastgeberinnenrolle kurzzeitig aufgeben. Sie gehört zum Ensemble, spielt dort Querflöte. „Musik gehört auch zu meinem bewegten Leben“, sagt die gebürtige Schwäbin lachend. So lebte sie einige Jahre in Österreich und gab dort Querflötenunterricht an der Landesmusikschule. Geboren wurde sie in Esslingen. Aufgewachsen ist sie in Marl im Ruhrgebiet. Nach ihrem Abitur studierte sie in Münster zunächst einige Semester Germanistik und Theologie, absolvierte dann aber erfolgreich eine Ausbildung zur Restauratorin in München. Viele Jahre arbeitete sie in der freien Wirtschaft. In der Elbmarsch lebt sie seit 2001.

Als freischaffende Künstlerin ist sie seit 2011 tätig. „Wir freuen uns auf viele Besucher und ein wunderbares Ende dieses tollen Projektes“, sagt Angela Stehr. Der Erlös geht an ein Kinderprojekt der Flüchtlingshilfe in der Elbmarsch. „Flüchtlingskinder und einheimische Mädchen und Jungen sollen jetzt im Sommer einen gemeinsamen Ferientag erleben, sich besser kennenlernen und eine tolle Zeit zusammen verbringen“, wünscht sich Angela Stehr. Von Abgrenzung hält sie nichts. „Wir reichen uns die Hände, lassen uns aufeinander ein, suchen und leben die Gemeinsamkeiten. Andere Kulturen bereichern seit jeher unser Leben, Hautfarbe und Herkunft sind völlig egal.“

Von Marcel Baukloh