Samstag , 19. September 2020
Der Container-Umschlag im Hamburger Hafen kann derzeit nicht mit den Konkurrenten Schritt halten. Foto: dth

Containerriesen am Limit

Obwohl Hamburg bereits vor drei Jahren eine Landstrom-Anlage in Betrieb nahm, lassen die Kreuzfahrer im Hafen immer noch lieber die Schornsteine rauchen. Reicht die Senkung der EEG-Umlage aus, um sauberere Luft in den Häfen zu erhalten?
Peter Tschentscher: Jedenfalls wird die Nutzung von Landstrom für die Reedereien damit wirtschaftlicher. Das ist ein wichtiger Schritt, um die Nutzung von Landstrom in den deutschen Häfen voranzubringen.

Seit über 100 Jahren wird die Elbe auf langer Strecke ausgebaggert. Wann kommt der Punkt, an dem dieser Kurs mit den neuen Containergiganten an seine natürlichen Grenzen stößt?
Vor allem kommt die Vergrößerung der Containerschiffe bald an seine natürlichen Grenzen. Schon heute ist das Handling, zum Beispiel das Be- und Entladen der großen Schiffe aufwändig. Die wirtschaftlichen Vorteile einer weiteren Vergrößerung werden dadurch immer geringer. Mit dem jetzigen Schritt der Fahrrinnenanpassung ist der Hamburger Hafen auch für sehr große Containerschiffe gut erreichbar. Wir sind damit für die Zukunft gut aufgestellt.

Läuft die Entwicklung zwangsläufig auf den Jade-Weser-Port zu, weil die Elbe nicht auf die Tiefe ausgebaggert werden kann, die am Kai in Wilhelmshaven besteht?
Nein. Bei einem Hafen kommt es auch auf die Lage, die Hinterlandanbindung, das lokale Ladungsaufkommen und andere Faktoren an. Der Hamburger Hafen hat dabei viele Vorteile. Zum Beispiel wird bei uns fast jeder zweite Container mit der Bahn weitertransportiert, weil die Anbindung mit der Schiene sehr gut ist. Das macht die Transportkette insgesamt wirtschaftlicher und umweltverträglicher.

Wurde der Jade-Weser-Port vorschnell abgeschrieben, weil er in der Finanzkrise schwächelte? Wer Häfen baut, braucht seit jeher einen langen Atem.
Ja, Infrastrukturinvestitionen müssen immer langfristig beurteilt werden. Die maritime Logistik wird aufgrund der großen Transportbedarfe in einer globalen Wirtschaft weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Deutschland braucht daher leistungsfähige Seehäfen in Wilhelmshaven, Bremen und Hamburg.

Warum gelang es den drei sozialdemokratischen Regierungen in Hamburg, Bremen und Niedersachsen nicht, die Eifersüchteleien beizulegen, um mit einem nationalen Hafenkonzept Rotterdam Paroli bieten zu können?
Die norddeutschen Bundesländer arbeiten gut zusammen. Jeder Standort hat zwar seine Besonderheiten und eigenen Interessen. In vielen Projekten wie bei der schnelleren Erstattung der Einfuhrumsatzsteuer, der Modernisierung der Häfen und dem Ausbau der Verkehrswege im Norden ziehen die Bundesländer aber an einem Strang, um die deutschen Seehäfen gegenüber Rotterdam und Antwerpen zu stärken.

Welche besonderen Herausforderungen birgt die Zuwanderung für einen Stadtstaat?
Die Aufnahme der Flüchtlinge war für alle Bundesländer eine große Herausforderung. Hamburg ist eine internationale Stadt, in der Menschen aus über 180 Nationen leben. Wir haben bei der Erstaufnahme in Hamburg viel ehrenamtliche Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Das hat uns sehr geholfen. Viele Tausend Flüchtlinge haben mittlerweile eine Ausbildung, Qualifizierung oder Beschäftigung aufgenommen. Das ist gut für die Integration und hilft uns in einer Zeit, in der es eine große Nachfrage nach Arbeitskräften gibt.

In den Stadtstaaten klafft die soziale Schere sehr weit auseinander. Hartz-IV-Ghettos und Villen hinter hohen Mauern sind nah beieinander. Laut Sozialmonitoring der Stadtentwicklungsbehörde leben 9 Prozent der Hamburger in Gebieten mit sehr niedrigem Status. Erlaubt Hamburg hier einen Blick in die Zukunft?
Da kennen Sie Hamburg schlecht. Bei uns gibt es keine Ghettos oder Villenviertel hinter Mauern. Wir bauen Sozialwohnungen, frei finanzierte Mietwohnungen und Eigentumswohnungen in allen Stadtteilen. Das nennen wir „Drittelmix“. Seit 2011 wurde der Bau von über 80.000 Wohnungen genehmigt. In Zukunft schaffen wir 3000 neue Sozialwohnungen pro Jahr. Unsere städtische Wohnungsbaugesellschaft kommt auf einen Neubau von 2000 Wohnungen pro Jahr. Und wir kümmern uns auch um bezahlbare Wohnungen für sogenannte Normalverdiener. Viele Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen haben keinen Anspruch auf eine Sozialwohnung, können sich aber keine Miete von 12 oder 14 Euro pro Quadratmeter leisten. Wir verkaufen daher städtische Grundstücke zu günstigen Preisen, wenn die Unternehmen dort Wohnungen mit einem guten Standard bauen und für 8 Euro pro Quadratmeter vermieten. Zugleich entwickeln wir Gewerbeflächen und schaffen neue Grünanlagen und Parks. Hamburg soll auch in Zukunft eine moderne, wirtschaftsstarke und grüne Stadt sein, in der das Wohnen und Leben für alle bezahlbar ist.

Ketzerisch gefragt: Muss sich sozialdemokratische Politik überhaupt noch um die Hartz-IV-Ghettos kümmern? Abgehängte Stadtviertel verweigern sich nahezu geschlossen der Wahlurne, wenn sie nicht zu Protestwählern werden.
Wir kümmern uns darum, dass Hamburg gute Lebenschancen bietet und niemand abgehängt wird. Dazu gehört vor allem gute Bildung von Kindesbeinen an. In Hamburg haben alle Familien einen Anspruch auf einen kostenlosen Kita-Platz. Wir haben unsere Schulen saniert, neue Schulen gebaut und viele zusätzliche Lehrer eingestellt für guten Unterricht in kleinen Klassen. In den Vergleichsstudien zeigt sich mittlerweile, dass Hamburg beim Lernerfolg in den Schulen im Bundesvergleich aufholt. Zugleich fördern wir die berufliche Ausbildung und schaffen beste Studienmöglichkeiten an unseren Hochschulen. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten, und die Anzahl der Straftaten geht zurück.
Durch viele Projekte in der Stadtentwicklung kommen jetzt auch Stadtteile voran, die sich in früheren Jahren nicht so gut entwickelt haben. Populistische Parteien haben in Hamburg daher keine große Zustimmung. Das ist gut so.

Von Joachim Zießler

Zur Person

Peter Tschentscher (53) ist seit März 2018 Erster Bürgermeister Hamburgs. Der gebürtige Bremer und gelernte Arzt war zuvor sieben Jahre Finanzsenator. Bei den Europawahlen bekam seine Partei, die SPD, nur 19,8 Prozent, in den Bezirken nur 24 Prozent. Schuldzuweisungen aus der Partei, er habe die SPD nicht genügend gegen die Parteispitze abgegrenzt, weist er von sich: „Es liegt nicht in unserer Hand, die bundesweite Stimmungslage (…) mit Hamburger Bordmitteln umzudrehen.“