Samstag , 19. September 2020
Sehr bunt geht es auf diesem Stromkasten im Sültenweg zu. Die Graffiti-Künstler „zauberten“ einen großen aufblasbaren Flamingo aus ihren Sprühdosen auf das zuvor triste graue Gehäuse. Es ist eines von fast 100 solcher Kunstwerke im Stadtgebiet. Foto: Malte Schmidt

Kreative Kunst am Kasten

Lüneburg. Ob ein täuschend echtes Blättermeer, die Lüneburger Salzsau oder ein Gummi-Flamingo in knalligem Pink: Wer aufmerksam durch die Stadt flaniert, dem fallen sie sofort ins Auge, die vielen Kunstwerke, die die Straßen säumen. Vor fünf Jahren entstand die Idee für das Lüneburger Graffiti-Stromkasten-Projekt – eine Kooperation zwischen der Stadt und den Graffitikünstlern der Firma Dosenfutter. Inzwischen ist eine echte Kunstgalerie im öffentlichen Raum entstanden.

Anlass war die immer weiter wachsende Anzahl von Strom- und Telekomverteilerkästen unter anderem im Zuge des Glasfaserausbaus, erinnert sich Uta Hesebeck, Fachbereichsleiterin des städtischen Straßenbauamts. „Wir dachten damals, dass diese grauen Kästen einfach nur gruselig aussehen und nicht zum Stadtbild von Lüneburg passen.“ Hesebeck hatte deshalb die Idee, Graffiti-Künstler damit zu beauftragen, die Kästen an neuralgischen Punkten in der Innenstadt zu gestalten. Bei der jeweiligen Motivwahl stimmt sich das Straßenbauamt mit dem Künstler Jonathan Sachau und dessen Team ab. Ob historisch oder modern, unauffällig oder in grellen Farbtönen: „Wir schauen jedes Mal, welche Gestaltung in die jeweilige Umgebung passt“, versichert Hesebeck.

Auch ein Schutz gegen Schmierereien

Während sich im Sültenweg der aufblasbare Flamingo treiben lässt, werden Passanten am Regenrückhaltebecken von einem fotorealistischen Biber begrüßt. Oft verweisen die Werke auch auf nahe gelegene Sehenswürdigkeiten oder Institutionen. So finden aufmerksame Spaziergänger Am Berge eine Darstellung der St. Nicolai-Kirche und an den Stromkästen der Musikschule Instrumente. In der Lünertorstraße wurde ein Stromkasten in eine riesige Kamera verwandelt, deren Bildschirm den Alten Kran zeigt. Und wer die Lüneburger Seen noch nicht kennt, der lernt sie auf den Stromkästen Vor dem Neuen Tore kennen.

Fast hundert Kunstwerke sind mittlerweile im Stadtgebiet zu entdecken. Es werden sicher noch mehr werden: „Die Reaktionen der Bürger sind fast durchweg positiv, einige haben sich sogar schon zusammengetan, um selbst ein Kunstwerk in ihrer Wohnumgebung in Auftrag zu geben“, erzählt Uta Hesebeck. Zugleich seien die Graffiti ein wirksamer Schutz gegen ungewollte Schmierereien. „Das klappt nicht immer, aber oft.“

Auch Jonathan Sachau ist vom Projekt und seiner Dynamik begeistert: „Wir verbinden das Nützliche mit dem Schönen und machen Lüneburg dadurch zugleich einzigartig.“ Denn so viel Streetart auf so kleiner Fläche, das könnten die wenigsten Städte bieten. Insgesamt gibt die Stadt jährlich rund 10.000 Euro für die Verschönerungen aus. Dazu zählen auch die Kosten für Nachbesserungen und Pflege der Kunstwerke. Neben den Strom- und Verteilerkästen kooperiert die Stadt auch bei der Gestaltung größerer Flächen wie Brücken oder Parkhäusern mit den Graffitikünstlern.

US-Künstlerin gestaltet Betonmauer neu

Eine ganz neue Kunstsprache bringt in den nächsten zwei Wochen eine Malerin aus den USA mit. Juliene Sinclair kommt aus Montana und hat vor einigen Jahren in Lüneburg gelebt. Sie wandte sich mit dem Wunsch an die Stadtverwaltung, Lüneburg ein Kunstwerk zu schenken und eine Wand bemalen zu dürfen. „Wir haben uns daraufhin auf die Suche nach einer geeigneten Fläche gemacht“, sagt Hesebeck. Fündig geworden sei man schließlich Am Alten Eisenwerk. Dort wird die Künstlerin ab kommender Woche eine Betonwand neu gestalten. „Wir haben das Motiv miteinander besprochen, ich bin aber dennoch sehr gespannt, was dabei rauskommt“, sagt Hesebeck. Sollte das Wetter nicht mitspielen, wird die Künstlerin die Wand unter der Brücke zum Ilmenaugarten gestalten.

Von Ann-Kristin Jenckel

Die Autorin Ann-Kristin Jenckel, ehemalige Redakteurin der Landeszeitung, arbeitet in der Pressestelle der Stadt Lüneburg.