Dienstag , 29. September 2020
Oberbürgermeister Ulrich Mädge kritisiert lange Verhandlungen mit der BIMA und den Grünen: „Wir hängen mit unserem Wohnungsbauprogramm etwa zwei Jahre hinterher.“ Foto: t&w

Eine Frage der Größe

Lüneburg. Immer mehr Menschen zieht es nach Lüneburg, längst platzt die Stadt aus allen Nähten, die Mieten steigen. Auch neue Bauvorhaben verhindern kein weiter es Ansteigen der Preise auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt. Die Lebensqualität der Lüneburger leidet. Nun soll bei 80.000 Einwohnern Schluss sein, verriet Oberbürgermeister Ulrich Mädge jüngst in einer Ratssitzung. Im LZ-Interview erläutert er, wie er sich ein Ende des Wachstums vorstellt.

Herr Mädge, Lüneburg hat aktuell knapp 78.000 Einwohner. Bei 80.000 soll Schluss sein, sagen Sie. Warum?
Ulrich Mädge: Mit unseren Flächen, die wir im Programm haben, kommen wir bei zwei bis drei Einwohnern pro Wohneinheit auf rund 80.000 Einwohner. Natürlich gibt es noch etwas Luft nach oben, aber ich schätze mal höchstens bis 85.000. Dann haben wir keine Flächen mehr, weil die Stadt bei der Gebietsreform zu kurz gekommen ist. Wenn wir Naturschutz, Erholungsflächen, Nachverdichtung, Klima, Verkehr ernst nehmen, gibt es diese natürlichen Grenzen im Wachstum der Stadt.

Wie soll das gehen? Man kann ja nicht einfach sagen, jetzt bauen wir nicht mehr.
Nein, aber das ist die Situation, wenn man es von der Ausweisung der Bauflächen her betrachtet. Natürlich wird es Nachverdichtung geben – an die Stelle von Einfamilienhäusern kommen häufig vier oder sechs Wohneinheiten –, aber die Entwicklung neuer Gebiete sehe ich dann nicht mehr. Der Zuzugsdruck hält an. Wenn wir Gentrifizierung verhindern wollen, muss es uns gelingen, in der Region einen Ausgleich herzustellen. Darum reden wir mit den Nachbargemeinden. Schließlich sind wir eine Region um die ‚Lokomotive Lüneburg‘ herum und müssen gemeinsam versuchen, diese Attraktivität für uns alle zu nutzen, ohne durch weiteren Zuzug unsere Ziele aufzugeben.

Dann wird doch aber der Druck auf den Wohnungsmarkt weiter zunehmen und die Mieten noch stärker steigen. Wie wollen Sie das verhindern?
Ich bin überzeugt, dass er allein schon wegen des demografischen Faktors abnehmen wird. In Lüneburg liegen wir mit Blick auf das Lebensalter 10 bis 15 Jahre hinter der allgemeinen Demografie-Entwicklung. Auch der Wunsch, allein in einer Wohnung zu wohnen, wird wieder abnehmen. Außerdem haben wir unter anderem durch die Migration wieder größere Familien, dadurch werden wieder viele 4-Zimmer-Wohnungen nachgefragt. Trotzdem: Die Kurve wird abflachen, wenn wir es schaffen, mit intelligenter Mobilität und Ausbau des ÖPNV – auch mit den Bahnlinien nach Bleckede und Amelinghausen – Orte 10 oder 15 Kilometer außerhalb der Stadt attraktiv zu machen.

Damit verlagern Sie das Problem auf die Randgemeinden. Die werden darüber nicht gerade begeistert sein, schließlich klettern die Mieten auch dort zum Teil schon beachtlich.
Natürlich ist es eine Herausforderung, aber nur wenn die Gemeinden ausreichend Einwohner haben, können sie Nahversorgung, Schulen, Kitas und all diese Dinge vorhalten. Das heißt, auch die Gemeinden im Umland brauchen eine gewisse Größe, um ihre Infrastruktur zu sichern. Von den Steuereinnahmen, die damit verbunden sind, will ich gar nicht reden. Deshalb fordere ich, dass wir uns in der Region mehr koordinieren müssen.

Sind Sie mit den Bürgermeistern im Gespräch?
Wir sprechen über diese Dinge regelmäßig in den Bürgermeisterkonferenzen, die der Landrat einberuft. Ich bin im Gespräch wegen der Bahnlinien nach Bleckede, Amelinghausen und Dannenberg, die Pendler in 30 Minuten ohne Störung nach Lüneburg bringen könnten. Mein Eindruck ist, dass da eine neue Generation von Bürgermeistern kommt, die regional denkt.

Gegenwärtig läuft in Lüneburg das Wohnungsbauprogramm 2021, bis dahin soll es 2100 neue Wohnungen geben, die 80.000 wären dann locker erreicht. Also ist schon in zwei Jahren Schluss mit Bauen?
Zunächst mal: Wir hängen mit unserem Wohnungsbauprogramm etwa zwei Jahre hinterher. Zum einen haben sich die Verhandlungen mit der BIMA über das Hanseviertel-Ost lange hingezogen, zum anderen erleben wir die Verzögerungspolitik im Rat vor allem durch die Grünen. Wenn ich mir die Flächen in der Stadt anschaue und das ganz grob unter den eingangs genannten Zielen abwäge und die Theodor-Körner-Kaserne mit ihren hundert Hektar außen vor lasse – denn dass wir sie bekommen, sehe ich nicht – dann sehe ich höchstens noch ein paar Flächen, die man bebauen könnte.

Welche?
Das ist im Moment gar kein Thema. Wir sollten uns lieber auf die Flächen konzentrieren, die wie in der Planung haben.

Zurück zu 2021: In zwei Jahren ist also Schluss mit Bauen?
Wie gesagt, wir hängen in der Umsetzung. Aber generell halte ich Planungsschritte von fünf, sechs Jahren für sinnvoll. Dann kann man wieder überprüfen, wie hat sich die Demografie, wie die Nachfrage entwickelt? Ob danach Schluss ist, ob weitere Flächen ausgewiesen oder nachverdichtet werden sollen, muss der Rat entscheiden. Wobei ich mit Nachverdichtung immer Probleme habe, weil ich glaube, eine Stadt lebt auch von ihrer gewachsenen Struktur. Aber das ist eine Entscheidung, die man in 2022/23 treffen muss.

Mit Blick auf die 80.000 wäre der umstrittene Wohnungsbau für den Digital-Campus doch dann überflüssig?
Digital-Campus entwickeln wir ja nicht nur, um Wohnungsbau zu ermöglichen, sondern weil wir die modernen Formen von Arbeit und Wohnen verbinden wollen mit digitalen Unternehmen, digitaler Arbeit. Das ist übrigens keine Erfindung von uns, schauen Sie nur nach Hamburg, Buchholz oder andere Städte im ganzen Land. Wenn ich mit meinen Kollegen spreche, stelle ich fest: Jeder macht so etwas. Arbeitsminister Hubertus Heil will sogar ein Gesetz machen für ein Recht auf Arbeit von zu Hause.

Aber das widerspricht doch Ihrem Gedanken, Arbeit und Computerarbeitsplatz zusammenzulegen. Die Arbeitnehmer könnten dann genauso gut in Hamburg wohnen bleiben und mit ihrem Unternehmen online zusammenarbeiten.
Wir sind ein Oberzentrum und wollen Arbeitsplätze vor Ort anbieten, Unternehmen halten und neue gewinnen. Problematisch ist es dann, wenn der Mitarbeiter sagt, dass er nicht kommt, weil ihm keine Wohnung geboten wird. So kann man keine Fachkräfte gewinnen. Wenn Sie mit den jungen Unternehmern hier sprechen, dann sagen die, genau das wollen wir: im Grünen sein, möglichst wenig Autos vor der Tür, eine Hochschule in der Nähe.

Das heißt, die Wohnungen sind dann ausschließlich für sie reserviert?
So ist es gedacht. Die Idee knüpft an das an, was man früher Werkswohnungen genannt hat. Diese Idee wollen wir aufnehmen. Und weil es nicht unsere Grundstücke sind, schreiben wir es im Bebauungsplan fest: unten die Arbeitsräume und oben die Wohnungen. Dabei reden wir über 100 Wohneinheiten.

Und was ist mit der Vision 100.000 Einwohner, Lüneburg als Großstadt?
Das ist nicht das Ziel, diese Nachverdichtung wird niemand im Rat verantworten können. Wir haben die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit für eine Kreisfreiheit, wir müssen nicht den Titel Großstadt haben. Das ist überhaupt nicht erstrebenswert. Wir wollen die Lebensqualität in der Stadt erhalten und sie für die Region anbieten.

Das heißt, der Tiergarten wird also nicht irgendwann doch mal platt gemacht, weil man dringend Wohnraum benötigt?
Auch nicht der Clamartpark oder andere Grünflächen, weil wir dann keine Lebensqualität mehr haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei Generationen nach uns gesagt wird, wir wollen keine Lebensqualität mehr. Das haben unsere Vorväter und -mütter aufgebaut. Wir können stolz drauf sein, dass uns um ganz Reppenstedt herum und im Tiergarten die Wälder gehören und wir dort die grüne Lunge sichern. Das war eine nachhaltige Politik, die wir im 18./19. Jahrhundert gemacht haben. Die wird auch jeder und jede in Rat und Verwaltung fortsetzen.

Von Ulf Stüwe