Freitag , 23. Oktober 2020
Volles Haus in der Turnhalle der Schule Lüne. Die allermeisten Eltern sind unzufrieden mit dem Vorgehen und der Informationspolitik der Stadtverwaltung. (Foto: us)

Große Sorgen und viele Fragen

Lüneburg. Dass der Abend nicht einfach werden würde, hatte Pia Steinrücke sicher geahnt und war wohl auch deshalb mit fachkundiger Unterstützung in die Grundschule Lüne gekommen. Thema war die aufgekommene „Unruhe“ über Schadstoffbelastungen in der Schule. Dass die Kritik der rund 200 Teilnehmer des Info-Abends über das Vorgehen oder besser Nichtvorgehen der Verwaltung bei der Begleitung dieses hochsensiblen Themas aber so massiv ausfallen würde, damit hatte die Sozialdezernentin wohl nicht gerechnet.

„Wir wollen Ihr Vertrauen wiedergewinnen“, sagte die um Aufklärung sichtlich bemühte Pia Steinrücke, und es klang, als habe sie verstanden, welchen Schaden die Verwaltung im Zusammenhang mit den Bauarbeiten in der Grundschule angerichtet hatte. Denn mit jeder weiteren bohrenden Nachfrage der in der Sporthalle zusammengekommenen Eltern der Schüler und Hortkinder wurde im Laufe des mehr als dreistündigen Abends immer deutlicher, wo das Baumanagement der Verwaltung offenkundig versagt hatte.

Arbeiten begonnen, obwohl die Belastung bekannt war

So musste Manfred Koplin von der städtischen Gebäudewirtschaft einräumen, dass im Zuge von Brandschutzmaßnahmen zu Beginn des Jahres Bauarbeiten gestartet wurden, obwohl durch eine Untersuchung aus dem Jahr 2014 bekannt war, dass die Schule schadstoffbelastet ist – unter anderem mit Asbest.

Doch erst im April wurde damit begonnen, ein sogenanntes Schadstoffkataster anzulegen, um feststellen zu können, an welchen Stellen sich Schadstoffe befinden. Mehr als 100 Bohrungen für die Materialproben wurden genommen. Das Problem: Sowohl die Probebohrungen als auch die Brandschutzarbeiten fanden ohne Schutzvorkehrungen statt, Schüler und Lehrer waren den vermutlich auch mit Schadstoffen durchsetzten Stäuben schutzlos ausgesetzt.

„Ein Null-Risiko bestand nicht.“ – Dr. Alexander Berg, Gutachter

„Wir können die Situation nur nach dem Stand der Dinge beurteilen“, versuchte Koplin das Vorgehen zu rechtfertigen. Man habe nicht davon ausgehen können, Asbest vorzufinden.

Bei den Eltern sorgte dies nur für Fassungslosigkeit und weitere Nachfragen. „Warum wurde die Begutachtung denn nicht vor Beginn der Arbeiten durchgeführt und das Ergebnis der Untersuchung abgewartet?“, fragte ein besorgter Vater. Eine Mutter nannte das Vorgehen insgesamt verantwortungslos, sie sei erschüttert und werde ihr Kind zunächst nicht mehr in die Schule schicken. Eine andere fragte, wieso die Verwaltung vor diesem Hintergrund erklären könne, dass die Kinder nicht gefährdet seien und es keinen Grund gebe, die Schule zu schließen; sie werde einen Anwalt einschalten.

Kritik richtet sich auch gegen die Schulleiterin

„Ich höre nicht, dass unser Gutachter sagt, die Schule müsse geschlossen werden“, begründete Steinrücke die Entscheidung der Stadt. Der Hamburger Gutachter Dr. Alexander Berg hatte zuvor deutlich gemacht, dass das Risiko trotz der nicht vorgenommenen Schutzvorkehrungen für die Kinder „äußerst gering“ gewesen sei. Er begründete seine Einschätzung unter anderem mit der zeitlich nur geringen Aufenthaltsdauer der Kinder in den Räumen, in denen gearbeitet wurde. Zudem hätte die Auswertung der Untersuchung ergeben, dass nur drei von 100 Proben Asbestfasern enthielten, diese seien im Treppenhaus festgestellt worden. Allerdings: „Ein Null-Risiko bestand nicht“, sagte Berg, der erst bei einer anschließenden Begehung eine Schließung der Schule ausschloss.

Kritik gab es am Abend auch an Schulleiterin Ursula von Wolff. Ihr wurde vorgeworfen, die Eltern nicht informiert zu haben. Eltern hätten über die Vorgänge an der Schule informiert, und dies auch erst, nachdem sie von ihren Kindern davon erfahren hatten (LZ berichtete). „Man kann nicht von Erstklässlern erwarten, dass sie das Thema kommunizieren“, hielten Eltern ihr vor. Sie habe „Panik vermeiden“ wollen, rechtfertigte sich die Schulleiterin.

Tatsächliche Belastung wird untersucht

Pia Steinrücke sicherte zu, die „Kommunikationsdefizite“ abzubauen, die Gutachten zu veröffentlichen und umgehend die tatsächliche Schadstoffbelastung in den Schulräumen zu untersuchen. Die Ergebnisse sollen schnellstmöglich veröffentlicht werden. Die Bauarbeiten wurden bereits vorsorglich gestoppt.

„Das alles zeigt aus unserer Sicht sehr deutlich, dass die Stadt Fehler bei der Planung und Durchführung der Bauarbeiten gemacht hat“, sagen Heike Pyhel und Timo Bleckwedel vom Schul­elternrat. Leider habe sich keiner der anwesenden Vertreter der Stadt dazu durchringen können, diese Fehler auch einzugestehen. „Aus unserer Sicht eine schlechte Grundlage für die vielbeschworene ‚bessere Kommunikation in Zukunft‘“.

Von Ulf Stüwe