Montag , 28. September 2020
Attacke und Abwehr: Die beiden Lüneburger Hans-Peter Lührs (r.) und Patrick Langhein messen sich im Säbelkampf. (Foto: t&w)

„Wie Schach mit Waffen“

Lüneburg. Dunkle Masken, blitzende Klingen, kühne Attacken und ein Hauch von Mittelalter – diese Atmosphäre war am Wochenende in der Sporthalle des Gymnasiums Oedeme zu spüren. Zwei Tage lang fand dort das deutschlandweite „HEMA“-Turnier statt, zum ersten Mal in Lüneburg. 46 Fechterinnen und Fechter aus ganz Deutschland waren mit Langschwert und Säbel angetreten, um sich im Kampf zu messen und neue Erfahrungen zu sammeln.

„Schweißtreibend“, lautete die Antwort von Alexander Meyer auf die Frage, wie so ein Kampf Schwert gegen Schwert denn sei, und sie war nicht nur humorvoll gemeint. Denn die Kämpfe unter Maske und in Turnierausstattung fordern den Fechtenden einiges ab. „Es ist vor allem die Konzentration, die hier gefordert ist“, sagt der erste Vorsitzende des Vereins für historische Fechtkunst Lüneburg.

Möglichst dicht am historischen Vorbild

„HEMA“ ist die Abkürzung für einen Sport, der aus der Erforschung historischer Texte zu den europäischen Kampfkünsten hervorgegangen ist, wie Meyer erläutert. Die Bezeichnung steht für „Historical European Martial Arts“ – übersetzt Historische Europäische Kampfkünste – und ist anders als beim heutigen Sportfechten keine Weiterentwicklung des historischen Fechtens, sondern dessen möglichst originalgetreue Umsetzung.

Im Mittelpunkt steht dabei das Fechten mit verschiedenen Klingenwaffen, beim Turnier in Lüneburg waren es Langschwert und Säbel. Rund 1300 Gramm wiegt das Schwert, es ist 120 bis 130 Zentimer lang und wird anders als der Säbel beidhändig geführt. Seine Biegsamkeit und die stumpfe Klingenspitze sollen Verletzungen verhindern. Ohnehin wird bei Übungen die sogenannte Fechtfeder verwendet mit einem Schutz für die Hände an der Klinge.

„Fechten ist sehr komplex, es hat viele technische und taktische Tiefen.“ – Alexander Meyer , Verein historische Fechtkunst

„Fechten ist weniger gefährlich als manch andere Sportart“, sagt Alexander Meyer. Natürlich gebe es auch mal Verletzungen, das seien aber höchstens Prellungen, „mit einem Kühlbeutel sind die schnell behandelt“. Schnitt- oder Stichwunden habe es bislang noch nicht gegeben.

Die Herausforderung im Fechten sieht Adrian van Bronswijk vor allem im taktischen Vorgehen. „Das ist wie Schach mit Waffen: Man kann grob vorgehen und draufhauen oder klug spielen und durch Positionierung und Züge gewinnen“, sagt der Fechtlehrer, der seit fünf Jahren in Lüneburg eine Fechtschule betreibt.

Geschlechtertrennung nicht immer gewünscht

„Sich austauschen, vernetzen, Erfahrungen sammeln“, das sind nicht nur für Alexander Meyer die Gründe für die Teilnahme an diesem jährlich stattfindenden Turnier. Aber auch wenn der Wettkampf nicht die herausgehobene Bedeutung hat, sei er deshalb nicht unwichtig: „Man geht einen Kampf anders an. Ich erfahre dabei, ob ich mich wirklich sicher fühle in meinen Aktionen.“ Denn Fechten sei „sehr komplex, es hat viele technische und taktische Tiefen“. Mit dem, was gelegentlich in Film und Fernsehen zu sehen ist, habe das nicht viel zu tun: „Das ist ziemlich schlicht und meist auf Effekte ausgerichtet.“

Am Sonnabend hatten Interessierte bei einem eigens dafür eingerichteten Workshop Gelegenheit, selbst mal ein Schwert in die Hand zu nehmen. Dass dieser Sport keine ausschließliche Männerdomäne ist, zeigt, dass rund ein Drittel der Vereinsmitglieder Frauen sind. Und: Nicht immer muss es eine Geschlechtertrennung bei den Kämpfen geben. So wurde bei dem Lüneburger Turnier sogar komplett darauf verzichtet. Denn es gehe nicht um Kraft, sondern darum, die Technik zu beherrschen. „Außerdem gleicht die Waffe die Unterschiede mehr aus als dass sie sie verstärkt.“

„Hochzufrieden“ äußerte sich Adrian van Bronswijk nach dem Turnier, die Spieler hätten sich auf technisch hohem Niveau gezeigt. „Vor allem aber standen Sportlichkeit und Fairness im Vordergrund. So soll es sein.“

Von Ulf Stüwe