Montag , 26. Oktober 2020
Theatertruppe vor dem Gutshaus in Barendorf, dem Bildungs- und Tagungszentrum Ostheide: vorne v.l. Kareem, Oxana Klein, Nahid Haidari und Zuheir Faris, hinten v.l. Amer Hussein, Mustafa Haidari, Hannah Schliewa, Mohannad Haj Nayef, Birgit Becker und Marya. Foto: geo

Kein Nachschlag? Schmeckt wohl nicht!

Barendorf/ Lüneburg. Als Mohannad Haj Nayef das erste Mal hörte, dass jemand von seinem selbst gekochten Essen nichts mehr mochte, da dachte er, dem anderen schmecke es nicht. „Das war für mich völlig klar“, sagt der 27-Jährige. „Eine andere Möglichkeit gab es nicht.“ Zum Beispiel die, dass der andere schlicht und einfach satt war. Mittlerweile ist das anders. „Zum Glück!“, sagt der Syrer und lacht.

Manche Themen sind universell

Um diese und andere alltägliche Missverständnisse zwischen unterschiedlichen Kulturen geht es in einem Theaterstück, das Flüchtlinge im Mai in Lüneburg aufführen. Geleitet hat das Projekt Birgit Becker vom „Theater zur weiten Welt“. Sie hat bereits in Uelzen vor einigen Jahren ein Theaterprojekt mit geflüchteten Jugendlichen geleitet, bietet seit Jahren immer wieder Ferienkurse für Kinder in Lüneburg an.

„Die Themen sind nur teilweise unterschiedlich“, sagt die Schauspielerin und Theaterpädagogin. „Schulalltag, Auseinandersetzungen mit den Eltern und dem Wertesystem, Streit unter Geschwistern: Diese Themen gibt es überall, ob hier geboren oder geflüchtet.“ Neu war für sie der transnationale Austausch, die langen Gespräche über die Heimatländer, die Flucht, das Ankommen, die Suche nach Ausbildung und Arbeit – und Fremdenfeindlichkeit. „Wir haben viel geredet, manchmal gefühlt die ganze Nacht“, erzählt Becker. Denn das Besondere an dem Projekt war: Die Gruppe hat fünf Wochenenden von Freitag bis Sonntag gemeinsam verbracht, vom Frühstück bis zum Zubettgehen. „Das ist ungewöhnlich, wirkt auf die Gruppe sehr stark.“

In der gemeinsam verbrachten Zeit entwickelte Becker mit den Flüchtlingen Szenen für ein eigenes Theaterstück. „Neue Welten“ heißt es, und im Untertitel: ein Theaterstück über Menschenverständnisse und die Grenzen der Vorurteile.

Humor lindert die Härten

Denn nicht nur Mohannad Haj Nayef kann heute über die anfänglichen Verwirrungen im Miteinander lachen, sondern die Gruppe will genau diese Themen mit Humor auf die Bühne bringen. Mustafa Haidari zum Beispiel erzählt, dass Männer in seiner Heimat Afghanistan nur Männern die Hand geben – Frauen nicht. Entsprechend schief gingen die ersten Begrüßungen in Deutschland für den 17-Jährigen. „Heute mache ich es voll anders. Warum nicht?“

Und Zuheir Faris kann sich noch gut an seinen Schock erinnern, als ihn zum ersten Mal ein Mädchen zur Begrüßung umarmte. „Ich dachte: Oh, was ist das?“, erzählt der 16-Jährige aus dem Irak. Heute nimmt auch er seine Mitschülerinnen in den Arm, um „hallo“ und „tschüß“ zu sagen. Die Entwicklung des Theaterstücks ist Teil eines Projekts, den das Bildungs- und Tagungszentrum Ostheide in Barendorf entwickelt hat und für den die Einrichtung mit der Theaterpädagogin und einer Deutschdozentin kooperiert.

Beginn war im Januar

„Wir sehen es als unseren gesellschaftlichen Auftrag, uns für andere Kulturen zu öffnen und unseren Anteil zur Integration zu leisten“, sagt die Geschäftsführerin des BTO, Oxana Klein. „Nach Abschluss dieses Kurses wollen wir einen neuen Antrag stellen, um erneut einen solchen Kultursprachkurs anbieten zu können.“

Finanziert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, machen 15 Männer und eine Frau im Alter zwischen 16 und 50 Jahren bei dem Kursus mit, Beginn war im Januar. Die Geflüchteten kommen vornehmlich aus Syrien und dem Irak, außerdem spielen zwei Deutsche mit und zwei Kinder: die Zwillinge Marya und Kareem aus Syrien, 9 Jahre alt.

Deutschkursus läuft parallel

Parallel zum Theaterworkshop besuchen die Teilnehmer an zwei Abenden pro Woche einen Deutschkursus bei Hannah Schliewa. „Ziel ist, am Ende mit einem Zertifikat abzuschließen“, sagt die freiberufliche Dozentin für Deutsch als Zweitsprache. „Da geht es auch darum, richtig Grammatik zu pauken.“ Zwei der Teilnehmer versuchen das Goethe-Zertifikat C1 – damit könnten sie studieren.

Ansonsten gehen die Jugendlichen zur Schule, Zuheir Faris besucht die Hauptschule Bleckede und möchte danach an eine Berufsbildende Schule in Lüneburg wechseln.

Mustafa Haidari möchte Fluggerätemechaniker werden, und die einzige Frau in der Gruppe, seine Schwester Nahid, 18, eine Ausbildung im Bereich Pflege machen, sobald sie mit der Schule fertig ist.

Danach geht es in die Deutschprüfungen

Mohannad Haj Nayef hat in Syrien für das Grundschullehramt studiert und möchte in Deutschland den Master und das Referendariat nachholen – zunächst aber macht der 27-Jährige eine Ausbildung zum Erzieher.

Jetzt steht aber erst einmal der Abschluss des Theaterprojekts an.

Aufführungen sind am Sonnabend, 11. Mai, 19.30 Uhr (mit Party) und Sonntag, 12. Mai, 18 Uhr im „mosaique – Haus der Kulturen“, Katzenstraße 1 in Lüneburg. Und danach geht es in die Deutschprüfungen.

Von Carolin George