Sonntag , 20. September 2020
Susanne und Ralf Bleich hoffen, bis Mitte Juli die Sanierung des Giebels ihres Hauses in der Bardowicker Straße abgeschlossen zu haben. Foto: t&w

Zurück ins vorletzte Jahrhundert

Lüneburg. Man sieht es der Fassade nicht an, doch das Haus in der Bardowicker Straße 26 gehört zu den ältesten Lüneburgs. 1426 erstmals erwähnt, erfuhr das stattliche Bürgerhaus mit klassischem Dreiecksgiebel und den typischen tiefliegenden Fenstergruppen in den Obergeschossen 1891 einen grundlegenden Umbau. Betroffen davon war auch der Giebel, der dabei viel von seinem früheren Charme verlor. Weil aber auch er inzwischen baufällig geworden ist, war nun eine Sanierung fällig.

„Steine drohten herabzufallen, auch die Fenster waren marode“, erklärt Susanne Bleich, warum sie und ihr Mann sich für die Sanierung entschieden haben, obwohl sie erst vor wenigen Jahren das komplette Hinterhaus auf Vordermann gebracht hatten. „Es gab erheblichen Sanierungsstau“, sagt Susanne Bleich, Urenkelin des Tischlermeisters Konrad Voigt, der 1868 mit seiner Tischlerei aus der Heiligengeiststraße in die Bardowicker Straße umgezogen war. Später übernahm sein Sohn Hermann die Tischlerei im Hinterhaus, im Vorderhaus richtete er das Möbelgeschäft mit großflächigen Schaufenstern ein, man ging mit der Zeit. Aus Platzmangel fand Anfang 1960 mit der Tischlerei ein Umzug in die Goseburg statt, das Möbelgeschäft wurde 1980 eingestellt, das Geld wurde mit Bautischlerei vor allem für die Lüneburger Kasernen verdient.

Immer wieder Überraschungen

Als Susanne und Ralf Bleich das Haus 2012 nach dem Tod des Vaters übernahmen, haben sie lange überlegt, ob sie es verkaufen sollten. Dazu kam es nicht: „Für uns ist es ein Beitrag, Lüneburgs schöne alte Bausubstanz zu erhalten“, sagt das Ehepaar, das heute in Bardowick lebt.

Foto: t&w

Den Schritt dazu haben sie nicht bereut, Überraschungen gab es dennoch, als sie vor zwei Jahren mit der Planung begannen und schließlich im März dieses Jahres loslegen konnten. „Der Mörtel zwischen den Mauerfugen fiel teilweise heraus, er war bröselig wie Sand.“ Außerdem musste wegen der Statik ein Stahlträger im Kellergeschoss eingezogen werden. Und es mussten Brandschutzauflagen erfüllt werden, die die Bauherren auch „etwas traurig“ stimmten: „Dadurch verschwanden einige schöne Fachwerkelemente hinter Brandschutzwänden.“

Aber auch der Denkmalschutz forderte sein Recht. So muss der Zustand aus dem Jahr 1891 wiederhergestellt werden, die inzwischen noch größer gewordenen Schaufenster zurückgebaut, die ursprünglichen Sprossenfenster wieder eingebaut und die Fassade im Erdgeschoss verputzt werden.

Auch die Mieter ziehen mit

Rund 250.000 Euro nehmen die Bleichs dafür in die Hand, „zum Glück können wir dieses Mal aber auf Fördermittel zugreifen, das ging vor fünf Jahren noch nicht“, sagt Ralf Bleich. Denn nach dem Brand des alten Lösecke-Hauses am Stint wurde das Fördergebiet, das bisher nur bis zur Ostseite der Bardowicker Straße reichte, auch auf die andere Straßenseite ausgedehnt. Immerhin kommen so 100.000 Euro in die Baukasse, „die aber fast komplett in die zusätzlichen Auflagen fließen, die mit der Förderung verbunden sind“, sagt Susanne Bleich.

Bis Mitte Juli soll die Sanierung abgeschlossen sein. Dass die beiden Mieter der Ladengeschäfte im Erdgeschoss dabei mitziehen, wissen die Eigentümer zu schätzen: „Wir haben ein gutes Verhältnis. Das würde nicht mit jedem gehen.“

Steffen Thiele kann das bestätigen: „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt der Inhaber von Sonic Sound, der ebenso wie Maria Lambert vom „Lesedrachen“ für zwei Monate sein Geschäft schließen muss. Für beide ist es nicht nur ein willkommener Anlass, auch mal Urlaub zu nehmen, sie freuen sich auch über künftig geringere Energiekosten, denn die großen Fenster erhalten nun eine Doppelverglasung.

Von Ulf Stüwe