Donnerstag , 22. Oktober 2020
Gustav Diesterhöft (l.) und Bürgermeister Eduard Kolle stehen neben dem Heiligengeiststift. Diesterhöft braucht eine neue Bleibe. Foto: t&w

Das Versprechen des Bürgermeisters

Lüneburg. Gustav Diesterhöft hat sich bemüht, doch er glaubt nicht, dass er eine Chance hat, eine kleine, bezahlbare Wohnung zu finden: „Beim Termin mit dem Makler waren Studenten, der Papa dabei. Ein Professor als Bürge – da ist doch klar, wer den Zuschlag bekommt.“ Der 74-Jährige steht am Dienstagmittag neben dem ausgebrannten Heiligengeiststift. Immer noch ein Kerl wie ein Klotz, aber verärgert, hilflos, ein bisschen verzweifelt. Am Ende geht er mit einem Lächeln und Hoffnung. Das liegt an Bürgermeister Eduard Kolle, der zugleich Vorsitzender des Stiftungrates ist. Kolle verspricht Diesterhöft mit einem Handschlag: „Wir helfen Ihnen. Sie haben mein Wort.“

13 Bewohner verloren ihr Zuhause

Wie berichtet, stand das Jahrhunderte alte Stift vor zweieinhalb Wochen in Flammen. 13 Bewohner verloren ihr Zuhause. Alle, die dort lebten, haben nicht viel, deshalb bot die städtische Stiftung ihnen günstige Bleiben an. Diesterhöft wohnte seit 15 Jahren hier. Extrem bescheiden, der größte Luxus des ehemaligen Hinz & Kunzt-Verkäufers ist sein batteriebetriebenes Kofferradio.

Am Dienstag und am Donnerstag ließ die Stadt – sofern es ging – die ehemaligen Bewohner in ihre von Ruß und Löschwasser beschädigten Wohnungen, damit sie ihre Habseligkeiten herausholen können. Unter Atemschutz und Schutzanzügen packen Helfer mit an, schleppen Sachen heraus. Die kommen in eine Halle, werden gereinigt und für Wochen eingelagert, sodass die Menschen sie holen können, wenn sie eine neue Unterkunft gefunden haben.

Stiftung springt bei der Miete ein

Kolle sagt: „Wir haben beschlossen, wir bauen das Gebäude wieder auf. Denkmalschutz und ein besserer Brandschutz müssen berücksichtigt werden.“ Es könne zwei bis drei Jahre dauern, aber dann dürfen die Mieter, wenn sie wollen, zurück ins Haus. Zu den Kosten sagt Kolle: „Drei Millionen Euro sind eher tief gestapelt.“

Was Diesterhöft und die anderen freuen dürfte: Die Stiftung sagt zu, dass sie vorübergehend bei Mieten einspringt. Das bedeutet, wer eine Wohnung findet oder zugewiesen bekommt, kann auch über einen Wohngeldzuschuss hinaus auf eine Beihilfe setzen: „Natürlich nicht für eine Luxuswohnung.“

Die Sozialarbeiter der Stadt hätten sich sehr bemüht, den Betroffenen zu helfen, auch Wohnungen angeboten, doch mancher der Mieter sei damit nicht einverstanden gewesen, berichtet der Stiftungsratsvorsitzende und appelliert: Jeder wisse, wie angespannt es auf dem Wohnungsmarkt aussehe, es gebe Grenzen des Machbaren.

Gerüstbauer hausen den ausgebrannten Trakt ein

Derweil grenzen Handwerker die Büros des Seniorenstützpunktes mit Trennwänden ab, mit dem Ziel, dass die Mitarbeiter wieder an die Heiligengeiststraße zurückziehen können. Aktuell sind sie zu erreichen unter (04131) 3093717. Gerüstbauer hausen den ausgebrannten Trakt ein, um ihn so vor Wind und Wetter zu schützen. Wie berichtet, müssen weite Teile abgetragen werden. Es ist Zufall, dass auch die benachbarte Schule eingerüstet wird, dort werden lange geplante Reparaturen erledigt.

Im Nachgang wurde von Bewohnern Kritik an der Arbeit der Feuerwehr laut: Ein Hydrant auf dem Hof habe nicht funktioniert. Feuerwehreinsatzleiter Volker Gätjens sagt: „Das stimmt so nicht. Wir haben irrtümlich zwei Fahrzeuge an einen Hydranten angeschlossen, dann reicht dessen Leistung nicht. Das haben wir aber schnell bemerkt.“ Die Wasserversorgung sei kein Problem gewesen.

Bewusst den Herd angelassen

Dass der Brand sich so verheerend ausdehnen konnte, soll auch daran gelegen haben, dass die Decke der betroffenen Wohnung, unter dem Dach gelegen, eingebrochen sei, hieß es am Dienstag vor Ort. Dadurch hätten die Flammen, die schon einige Zeit gelodert haben müssen, plötzlich gewaltige Luftzufuhr erhalten – es zündete durch.

Ein offenbar psychisch verwirrter Mieter hatte während des Brandes gegenüber der LZ gesagt, er habe bewusst den Herd angelassen und sei dann zur Sparkasse gegangen. Als er wiedergekommen sei, jaulte der Brandmelder. Eine Mieterin will gehört haben, dass der Mann bereits im Vorfeld gegenüber anderen geäußert habe, dass er das mehrmals so gemacht habe. Das war am Mittwoch nicht zu überprüfen.

Von Carlo Eggeling

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