Sonntag , 27. September 2020
Sie stellen ihre Arbeiten in der IHK aus: Karl-Ernst Gaertner, Ulla Graßt, Margitta Schenk, Katharina Lechner, Ulrike Hennecke und Walter Knolle (v.l.). (Foto: ca)

Revolution frisst ihre Kinder

Lüneburg. Die Druckkunst veränderte vor 600 Jahren die Zivilisation; die Technik der beweglichen Lettern, die Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert in Mainz erfand, machte es möglich, Texte schnell zu vervielfältigen. Der Erfolg des Protestanten Martin Luther hängt bekanntlich eng mit der revolutionären Veränderung zusammen. Nun steckt die Welt mitten in einem weiteren Umbruch, der Digitalisierung. Wenn Informationsübermittlung im Prinzip auf das Display eines Handys schrumpft, wozu braucht es da noch Schwärze und Papier? Antworten auf diese Frage versucht eine Ausstellung im Foyer der Industrie- und Handelskammer Am Sand zu geben. Auch ihr Titel ist eine Frage: „Druckkunst 2019 plus – sind wir noch zu retten?“

Lüneburger Bibeln aus dem 16. Jahrhundert

Als die Schau mit Werken von Karl-Ernst Gaertner, Ulla Graßt, Ulrike Hennecke, Walter Knolle, Katharina Lechner und Margitta Schenk sowie Erzeugnissen der Druckerei von Stern am Sonnabend eröffnet wurde, taten sich Besuchern mindestens zwei Blickwinkel auf: Kunst und Wirtschaft. Eben weil es auch um die Wirtschaft gehe, fand IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert in seiner Begrüßungsrede den Ort gut gewählt: Einige der ältesten Mitgliedsbetriebe der IHK seien Druckereien.

Katharina Lechner und Karl-Ernst Gaernter, die die Ausstellung mit ihren Kollegen vom Bund Bildender Künstler und der Gruppe Druckkunst organisiert haben, wiesen auf die große Bedeutung hin: Im vergangenen Jahr ist die Druckkunst in das Verzeichnis des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Katharina Lechner umriss die verschiedenen Techniken, die sich präsentieren: Linolschnitte, Sieb- und Tiefdruck sowie Radierungen. Zudem finden sich – aus dem Hause von Stern beziehungsweise des renommierten Lüneburger Experten Wolfgang Schellmann – Bibeln aus dem 16. Jahrhundert in der Schau.

Eine Kunst der Entschleunigung

Für Gaertner setzt seine traditionsreiche Kunst in einer scheinbar immer rasanteren Zeit einen Kontrapunkt der Entschleunigung. Die Digitalisierung werde „berührungslos“, materielle Durckformen verschwänden ins Virtuelle. Jeder Punkt werde auf Wunsch errechnet. Es seien Künstler, welche die Techniken, die industriell weniger oder nicht mehr angewandt würden, nutzten und lebendig hielten. Schon während des Entstehens sei Ruhe ein wesentlicher Aspekt, durch den Neues entstehe: „Kreative Menschen spielen nicht mit der Arbeit, sondern mit der Ruhe.“

LZ-Mitverleger Christian von Stern wirkte in seinem Vortrag apokalyptisch nach dem Motto: Die Revolution frisst ihre Kinder. Er zitierte den Journalistik-Professor Klaus Meier aus dem Eichsfeld. Der vor dem Hintergrund des ewig sprudelnden Internets kürzlich gesagt hatte: „Die letzte gedruckte Zeitung erscheint 2033.“ Dabei hatte der Wissenschaftler die abfallende Linie der Zeitungsauflagen in Deutschland betrachtet. Die Bild-Zeitung, einst mit einer Auflage von fast fünf Millionen Exemplaren am Tag am Boulevard vertreten, ist auf eineinhalb Millionen geschrumpft: „Im vergangenen Jahr gab es ein Minus von neun Prozent. Die ‘Welt‘ hat acht Prozent verloren.“ Das sind extreme Werte, doch bei den lokalen Tageszeitungen sehe es für das Jahr 2018 mit einem Verlust von 3,8 Prozent auch dramatisch aus. Die LZ bewegt sich ebenfalls auf dieser Linie. Und der Zuwachs beim E-Paper gleiche die Print-Verluste nicht aus.

„Das Display ist das neue Papier“

Es ist ein Bruch der Traditionen und der Generationen. Den erleben auch die Sterne, sie betreiben die 1580 gegründete und damit älteste Druckerei, die sich kontinuierlich in Familienbesitz befindet. Von Stern machte den Wandel am Beispiel der LZ deutlich: „Das Durchschnittsalter der Leser liegt bei 65 Jahren, ein Drittel ist älter als 70.“ Junge Leute seien schwer zu erreichen. Die „Digital-Natives“, die Generation der nach 2000 Geborenen, konsumiere anders: „Das Display ist das neue Papier.“

Mit diesem Wandel gehe eine gesellschaftliche Entwicklung einher: Wer Zeitung lese, sei älter, habe eine andere Bildung. Dafür sei die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Beispiel, die anders als andere leicht steigende Auflagen verzeichne. Mit Blick auf den Trend, edler und vermeintlich bewusster zu essen: „Nach Slow food, kommt Slow Media.“ Das wäre dann so entschleunigt wie der künstlerische Druck.

Die Schau ist bis zum 23. Mai montags bis donnerstags, 7.30 bis 17 Uhr, und freitags bis 15 Uhr in der IHK in Lüneburg zu sehen.

Von Carlo Eggeling