Freitag , 7. August 2020
Das Elbehochwasser 2013 hat für große Schäden gesorgt. Foto: A/tja

Schutz abseits der Deiche

Lüneburg. Wenn ein Öltank umkippt und ausläuft, ist das Haus in aller Regel nicht mehr zu gebrauchen. Also lieber dafür sorgen, dass er nicht umkippt – selbst wenn der Keller mit Wasser vollläuft. Es sind naheliegende Tipps wie dieser, den Wissenschaftler und Katastrophenhelfer jetzt in einer Broschüre für Elbe-Anwohner zusammenstellen wollen. Zielgruppe sind vor allem Menschen, die kaum Erfahrung mit Hochwasser haben. Entstanden ist die Idee eines Informationsblattes mit Verhaltenstipps für Privathaushalte während eines Forschungsprojekts. Es trägt den Titel „RISK_M – Soziale Mobilisierung zur Optimierung eines Risikomanagements bei extremen Hochwasserereignissen“ und ist gerade abgeschlossen.

80 Prozent der Schäden vermeidbar

Seit 2015 hatten Wissenschaftler der Fachhochschule Bielefeld mehr als 700 internationale Studien zum Umgang von Menschen mit Hochwasser oder anderen Naturereignissen analysiert. Außerdem haben sie in Kooperation mit dem Lüneburger Kreisverband des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) mehr als 20 Frauen und Männer interviewt, die im Landkreis Lüneburg an der Elbe leben. „Wir wollten wissen: Was können wir tun, damit Menschen sich selbst besser vor Hochwasserschäden schützen?“, erklärt Michael Stricker, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen. Gemeinsam mit zwei Psychologen und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter hat Stricker das Projekt geleitet. Denn durch geeignete private Schutzmaßnahmen können laut Stricker bis zu 80 Prozent der Schäden bei einem Hochwasserereignis vermieden werden. Dem Team ging es nicht darum, an welcher Stelle welcher Deich um wie viele Zentimeter erhöht werden muss oder wo zusätzliche Polderflächen für Überlaufflächen sorgen sollen. Ihnen ging es um die psychologischen Aspekte: die Motivation der Elbe-Anwohner zum Selbstschutz.

Dabei haben die Forscher auch in eigener Erfahrung feststellen müssen, dass nicht alles so funktioniert, wie sie es sich erdachten. Zum Beispiel wollte das Team einmal bei einem Feuerwehrfest über den Schutz vor Hochwasserschäden informieren. „Das hat nicht geklappt“, gesteht Stricker. „Bei einem Feuerwehrfest möchten die Menschen Spaß haben. Wir hätten lieber eine Aktion anbieten und unsere Informationen nebenbei einfließen lassen sollen. Das war eine Idee vom grünen Schreibtisch aus.“

Modriger Geruch des Brackwassers

Besser funktioniert hat die Zusammenarbeit mit den Katastrophenschutzeinheiten. „Uns ist wichtig, das Thema Hochwasser nicht permanent als Bedrohung zu kommunizieren“, sagt Stricker. „Die Chancen, dass Menschen ihr Verhalten verändern, ist höher, wenn sie das Gefühl haben, die Situation bewältigen zu können.“ Deswegen will das Forscherteam nun, nach Beendigung der Studie, gemeinsam mit dem ASB eine Informationsbroschüre mit einfachen Tipps erstellen, die später über den ASB verteilt werden soll: sowohl im Landkreis Lüneburg als auch in den ebenfalls zu der Studie zählenden Städten Leipzig und Magdeburg.

Aus Gesprächen mit mehr als 20 Anwohnern der Elbe im Landkreis Lüneburg wissen die Wissenschaftler auch, was für die Betroffenen bei Hochwasser besonders unangenehm ist: der modrige Geruch des Brackwassers und eine Evakuierung. Für Tierbesitzer zum Beispiel sei es besonders schwierig, wenn der Katastrophenhelfer wegen einer Evakuierung an der Tür klingele, erzählt Stricker. „Dann muss der Mensch mitgehen und seinen Hund zurücklassen.“ Auch dazu hat die Borschüre daher einen Rat: Haustiere rechtzeitig bei Freunden, Familienmitgliedern oder einer Tierpension abgeben. Damit es zu der schlimmen Situation an der Haustür erst gar nicht kommt.

Tipps aus der geplanten Broschüre

Wichtige Dokumente wie zum Beispiel Familienurkunden in wasserfesten Umschlägen aufbewahren und im Notfall griffbereit haben. Das gilt auch für Kopien von zum Beispiel Versicherungspolicen, Verträgen, Testament, Patientenverfügung, Ausweis, Grundbuchauszug, Impfpass. Elektrische Geräte und Heizkörper abschalten in Räumen, die volllaufen können. Auch die Tiefkühltruhe! So viel wie möglich in die oberen Stockwerke bringen. Den Heizöltank beschweren oder verankern.

Fahrzeuge rechtzeitig in Sicherheit bringen, nicht mit dem Auto auf überfluteten Straßen fahren: Dringt Wasser in den Motorraum, droht erheblicher Schaden. Türen mit Keilen vor Zufallen schützen, denn Türen lassen sich auch bei geringem Wasserstand nicht mehr öffnen.

Besorgen Sie frühzeitig Sperrholzplatten und Silikon zum Abdichten von Türen und Fenstern. Im Keller speziellen Putz verwenden und Fliesen verlegen, damit wenig Schäden entstehen. Strom- und Gasanschlüsse in obere Stockwerke verlegen. Nach einem Hochwasser mit dem Aufräumen erst dann beginnen, wenn es vollständig zurückgegangen ist. Zu frühes Leerpumpen kann weitere Schäden verursachen.

Von Carolin George