Sonntag , 27. September 2020
Paul Loeper (v.l.), Simone Schwartz, Helen Wullenweber, Klara Reese und Daniel Kamolz (vorn) möchten die Art und Weise, wie Politik gemacht wird, verändern und die Zukunft Europas gestalten. Foto: t&w

Gegen die Kleinstaaterei

Lüneburg. Das Festival auf den Philippinen sollte zeigen, dass es möglich ist, in einer geeinten Welt zu leben. Eine von 6000 Teilnehmern war Klara Reese. Die 22-Jährige, die in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert, erinnert sich noch gut an den Moment, als sie bei eben diesem Event im Sommer 2018 inmitten unzähliger Länderflaggen die eine mit den zwölf goldenen Sternen auf azurblauem Grund entdeckte. „Ich habe mich sofort zu ihr hingezogen gefühlt“, erzählt sie. „Da hat sich ganz offensichtlich jemand mehr mit Europa identifiziert als mit der eigenen Nation.“ Klara Reese kam mit dem Festival-Besucher, einem Italiener, ins Gespräch. Sie hörte das erste Mal von „Volt“, einer pro-europäischen Bürgerbewegung, die inzwischen in mindestens zehn Ländern auch als Partei eingetragen ist und jetzt erstmals zur Europawahl antritt.

Ein Dreivierteljahr später marschiert die junge Frau mit weiteren Volt-Unterstützern durch die Lüneburger Innenstadt. „Für ein geeintes Europa, wie wir es wollen“ ist auf ihren Plakaten zu lesen.

Zehn Leute engagieren sich

In Lüneburg ist die Volt-Gruppe noch blutjung: War Klara Reese bis vor kurzem noch in Hamburg unterwegs, hat sie vor knapp drei Wochen angefangen, hier eine eigene Gruppe aufzubauen. Zehn Leute engagieren sich, überwiegend Studenten.

Sie lächelt, als sie auf die Passanten zugeht, sie bittet, am 26. Mai wählen zu gehen. Schafft Volt es ins Parlament, wäre das eine Premiere. Die Abgeordneten möchten sich in Brüssel nicht mit nationalen Interessen einbringen, sondern die Europäische Union im Ganzen in den Fokus rücken. Die Europawahl soll nur eine Etappe sein: Volt möchte danach an nationalen und regionalen Wahlen teilnehmen.

Gemeinschaft nicht bloß als irgendein Konstrukt begreifen

In Lüneburg können die wenigsten Passanten etwas mit dem Namen anfangen, viele bleiben aber stehen, um sich von Klara Reese, Paul Loeper, dem Vorstand von Volt Deutschland, oder von Helen Wullenweber, die Hamburgerin ist eine von insgesamt 26 Kandidaten in Deutschland für die Europawahl, aufklären zu lassen.

„Wir wollen zeigen, dass Europa gut ist. Nur nicht in der aktuellen Form“, sagt Reese, die eine EU-Reform für notwendig hält. Es sei wichtig, dass der Verbund von Staaten nicht als „irgendein Konstrukt“ begriffen, sondern wirklich verstanden werde. Erst dann könnten Europäer das Parlament auch als das ihre begreifen.

Die unterschiedlichen Gesetzgebungen haben die Volt-Mitglieder gerade am eigenen Leib erfahren: So braucht es in Italien etwa 150.000 Unterschriften und einen Abgeordneten, der die Partei gründet, in Deutschland 4000, in Österreich gar nur 1600. Ähnlich ist es bei der Gewichtung der Stimmen: So werden in Malta etwa 80.000 Stimmen für einen Sitz benötigt, hier sind es 200.000. „Das muss alles demokratischer und einheitlicher werden“, fordert Helen Wullenweber. „Alle sollten die gleichen Voraussetzungen haben.“

Für ein geeintes Europa kämpfen

Neben dem wachsenden Populismus soll vor allem das Brexit-Referendum der Auslöser für die Volt-Gründung im März 2017 gewesen sein. Heute umfasst das Programm knapp 200 Seiten, es handelt von digitalen Gesetzgebungs-Plattformen, die dem Bürger mehr Beteiligung ermöglichen sollen, nachhaltiger, grüner Wirtschaft und besseren Bedingungen für Start-ups. Kurzum: Die Unterstützer sind überzeugt, dass nationale Parteien Herausforderungen wie den Klimawandel oder die wirtschaftliche Ungleichheit nicht allein bewältigen können.

Klara Reese will für ein geeintes Europa kämpfen, weil sie sich ein Leben ohne nicht mehr ausmalen kann. Sie kommt auf die vielfältigen Fördermöglichkeiten zu sprechen, nennt das Erasmus-Programm als Beispiel, das Studenten Auslandserfahrungen ermöglicht. „Fast alle meine Freunde haben die Förderung genutzt“, sagt sie. „Ich selbst habe durch die EU so viel gelernt, sie schweißt uns alle zusammen.“

Von Anna Paarmann