Samstag , 31. Oktober 2020
Dass die Uni die Schlussrechnung des Libeskind-Baus finalisiere und diese dann der NBank vorlege, teilt Staatssekretärin Dr. Sabine Johannsen mit. Die Leuphana-Pressestelle bestätigt das nicht. (Foto: Wege)

Das Preisschild fehlt immer noch

Lüneburg. Eigentlich sollte die Schlussrechnung für das Zentralgebäude der Uni Ende März vorgelegt werden. Davon war das Wissenschaftsministerium ausgegangen – in Absprache mit der Leuphana. In Erfahrung gebracht hatte das der ehemalige Umweltminister Stefan Wenzel im Haushaltsausschuss des Landtages. Die Uni hatte den Termin auf LZ-Nachfrage nie offiziell bestätigt, Präsident Sascha Spoun sprach gar in einem Interview davon, dass Endabrechnungen von öffentlichen Gebäuden manchmal gar nicht oder erst nach mehreren Jahren vorlägen.

Die Äußerung hat Kreise gezogen. Stirnrunzeln bereitet sie vor allem Fachleuten, die es für „völlig unglaubwürdig“ halten, dass noch immer nicht feststehen soll, was der Bau gekostet hat. Das Dauerargument der Uni, dass Abrechnungen für jedes Gewerk mit Hinblick auf Mängel und mögliche Abzüge präzise geprüft werden müssten, wird kommentiert mit Verweis auf die gesetzlichen Vorgaben: So sei es die Aufgabe des Architekten, die Abnahmezeitpunkte festzustellen und zu prüfen. Stellt er Mängel fest, müsse er den Bauunternehmer, also den Handwerksbetrieb, zur Beseitigung auffordern. Ebenso sei er verpflichtet, die Bauleistung, wenn sie fertiggestellt ist, abzunehmen und auf eventuelle Fehler zu prüfen.

Architekten haften fünf Jahre für Projekte

Ein anderer Experte erinnert daran, dass Architekten fünf Jahre für Projekte haften, die sie geplant und überwacht haben. Diese Zeit breche erst an, wenn das Bauwerk schlussgerechnet oder abgenommen wurde. „So lange das nicht geschehen ist, hat der Bauherr die Möglichkeit, Schäden anzuzeigen.“ Firmen müssten dann nachweisen, dass sie keine Fehler gemacht haben. Eine Umkehr der Beweislast gäbe es erst mit Projektabnahme oder Schlussrechnung. „Jeder Tag ist eine Mine. Niemand schiebt das länger als nötig auf.“

Zuständig für das Bauwerk ist seit 2007 das Berliner Büro „rw+“. Eine Anfrage der LZ beantwortet es nicht.

Die Argumente der Leuphana-Führung seien Ausflüchte, ist ein Lüneburger Architekt überzeugt: „Es ist verpflichtend, dass der Architekt vorab Preise in die Leistungsverzeichnisse einträgt. So kann er stetig kontrollieren, ob er mit der Kostenberechnung noch richtig liegt. Erst mit der Freigabe werden die Aufträge fertig gemacht und der Bau kann beginnen. Man kennt die Kostensituation also ziemlich genau.“ Überhaupt sei der Architekt dazu verpflichtet, laufend Kostenberichte zu geben, um durchgehend kontrollieren zu können, „inwieweit man mit dem Kostenanschlag und der Kostenberechnung aus der Entwurfszeit noch übereinstimmt“.

Keine schlüssige Argumentation

Dass Präsident Spoun sagt, dass die Uni kein Druckmittel habe, Unternehmen zur Vorlage der Endabrechnung zu zwingen, widerlegen Fachleute mit Blick auf die für alle verpflichtende Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen: Danach müssen Handwerksbetriebe ihre Schlussrechnung spätestens zwölf Werktage nach Fertigstellung vorlegen, bei einer Ausführungsfrist von höchstens drei Monaten. Die Abrechnungen der Baufirmen müssten also längst vorliegen.

Ein Architekt findet deutliche Worte: „Das muss doch auch für einen Bauherrn ein unerträglicher Zustand sein, wenn das zwei Jahre dauert. An baulichen Missständen hat nicht die Uni Schuld, man muss sich nur fragen, wieso sie nichts unternimmt. Es ist unverständlich, dass das keiner in die Hand nimmt.“

Die LZ hat die Uni-Pressestelle mit all diesen Argumenten und Fragen konfrontiert – ein eineinhalb Seiten umfassendes Dokument. Die Antwort fällt kurz aus: „Mit den Schlussrechnungen sind alle Mengen, Massen und Materialien bis ins Detail zu prüfen.“ An diesen Abläufen sei nichts ungewöhnlich. Auf erneute Nachfrage heißt es: „Die Leuphana hat unverändert ein großes Interesse daran, die Schlussrechnung so schnell wie möglich zu erstellen und zieht da mit dem Land an einem Strang. Die Abrechnung muss aber gründlich und mit allen notwendigen Prüfungen – es geht dabei um mehr als 2000 Einzelposten – abgeschlossen werden. Sobald das geschehen ist, folgen weitere Verfahrensschritte wie Verwendungsnachweise oder die Erstellung einer Nachtragsunterlage.“

Kostenentwicklung

Nahezu eine Verdopplung

März 2011: Die Kosten werden im Jahr der Grundsteinlegung auf 57,7 Millionen Euro geschätzt.

Mai 2014: Das Land genehmigt 72,3 Millionen .

Dezember 2016: Die Uni beziffert die Baukosten auf 92,5 Millionen , kündigt an, dass die 100-Millionen-Marke mit Blick auf letzte, noch vorhandene Risiken knapp überstiegen werden könnte. Die Oberfinanzdirektion legt die Messlatte in einem vertraulichen Bericht auf bis zu 103,5 Millionen .

September 2018: In der Ministerrunde wird über 110 Millionen gesprochen.

Von Anna Paarmann