Samstag , 19. September 2020

Wieder ein freier Mann

Lüneburg. Um 15.30 Uhr wurde am Donnerstagnachmittag in Saal 21 des Lüneburger Landgerichts ein Urteil verkündet, mit dem am Morgen noch niemand gerechnet hatte. Vor allem nicht der 46-jährige Angeklagte. Der Rumäne, der seit 2008 in Deutschland lebt, ist nach sechs Monaten in Untersuchungshaft wieder ein freier Mann. War er morgens noch mit Handschellen und dem Vorwurf des versuchten Mordes zur Anklagebank geführt worden, durfte er diese fünf Stunden später ohne eiserne Fesseln verlassen – mit dem Ergebnis, dass er sich lediglich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss. Die Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren, zu der ihn der Vorsitzende Richter Franz Kompisch verurteilte, wurde auf Bewährung ausgesetzt.

Täter entschuldigt sich bei abwesendem Opfer

Eine Rolle spielte auch die Tatsache, dass der Mann, der sich zu Beginn der Verhandlung nicht zu dem blutigen Streit äußern wollte, den er am 13. Oktober vergangenen Jahres auf einem Reiterhof in Handorf in einem stark alkoholisierten Zustand mit seinem 34 Jahre alten Kollegen ausgetragen hatte, am Ende doch noch eine kurze Stellungnahme von seinem Verteidiger verlesen ließ: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich ihn mit einem Messer angegriffen habe. Ich trinke eigentlich nicht viel Alkohol, ich hasse mich dafür. Dass ich auf Deutsch gerufen haben soll, dass ich ihn umbringen will, kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu töten.“

Stunden zuvor war der erste Verhandlungstag ziemlich holprig gestartet: Nicht nur mit 45 Minuten Verspätung, sondern auch damit, dass von dem 34-jährigen Geschädigten, Nebenkläger in diesem Verfahren, jede Spur fehlte. Auch seine Anwältin Silke Jaspert wusste nichts über dessen Verbleib. „Ich habe auch schon seit längerem keinen Kontakt mehr zu ihm“, sagte sie.

Kompisch räumte ihm noch einige weitere Minuten ein, indem er den Rechtsmediziner vorzog. Dem Gutachten zufolge wurde dem Mann ein neun Zentimeter langer, aber oberflächlicher Schnitt am Hals zugefügt. „Er wurde oberhalb vom Ohrläppchen relativ gerade bis hin zum Kehlkopf geführt“, sagte Dr. Hendrik Seifert, der zur Tiefe wenig sagen konnte. „Es hat nur leicht geblutet.“ Gleichwohl sei der Schnitt aber über einem Strang von Arterien und Venen verlaufen, wären diese verletzt worden, hätte es zu erheblichen Schäden oder gar zur Verblutung kommen können. Die Täterschaft war klar, am Taschenmesser haftete DNA des Angeklagten.

Am Ende waren es doch genug Antworten

Weil das Opfer auch später nicht auftauchte, wurde gegen ihn ein Ordnungsgeld verhängt. Sein Fernbleiben wertete Kompisch später in seiner Urteilsbegründung so: „Der Geschädigte hat offenbar kein Verfolgungsinteresse.“ Etwas Licht ins Dunkel brachten vier Zeugen, von denen zumindest drei die Eskalation im Vorraum der Reithalle beobachtet hatten. So soll der Angeklagte schon im gegenüberliegenden Wohnhaus auf Rumänisch herumgeschrien haben, Minuten später dann den 34-Jährigen vor sich hergetrieben haben. Wann und wie dieser dort hineingeraten war, blieb unklar. Anlass könnte ein Streit drei Wochen zuvor gewesen sein, bei dem der 46-Jährige verstanden haben soll, dass sein Kollege seine Arbeit schlecht gemacht hatte.

Am Ende waren es doch genug Antworten, um die Beweisführung zu schließen und auf den zweiten, Ende April mit vier weiteren Zeugen angesetzten Verhandlungstermin zu verzichten. Zentral war für den Richter die Tatsache, dass der Angeklagte kein zweites Mal mit dem Taschenmesser ausgeholt hatte. Und, dass keiner der Zeugen sich an Todesdrohungen erinnern konnte. Die Bewährungsstrafe begründete er so: „Wir erwarten nicht, dass Sie weitere Straftaten begehen.“

Von Anna Paarmann