Mittwoch , 23. September 2020
Frost ist eine Gefahr für die Obstbaum-Blüten. Im Alten Land schützen die Bauern die Blüten mit intensiver Beregnung. Um das dafür nötige Wasser bereitzustellen, wird nun ein Kanal gebaut. Foto: geo

„Es wird immer enger“

Hamburg. Gerade zieht die Farbe Weiß an den Kirschbäumen ein, an Ostern wird es das Rosa der Äpfel sein: Die Obstblüte im Alten Land beginnt. Für Ausflügler heißt das: Bis Mitte Mai steht das beliebte Sonntagsziel parat. Für Obstbauern bedeutet die Blüte vor allem den ständigen Blick auf Thermometer und Wettervorhersage. Denn wenn Frost bevorsteht, schützen sie die Blüten durch Beregnung. Weil das Wasser dafür immer knapper wird, baut die Stadt Hamburg jetzt einen neuen Kanal in Neuenfelde, dem Anfang des Alten Landes von Hamburg aus gesehen.

Kanal soll für das nötige Wasser sorgen

Das sogenannte Verbindungsgewässer zur Alten Süderelbe ist 1,6 Kilometer lang, kostet rund 3,4 Millionen Euro und soll im August dieses Jahres fertig sein. Der Graben soll dafür sorgen, dass Hamburgs Obstbauern ausreichend Wasser zur Verfügung haben und letztlich den Obstanbau insgesamt im Süderelberaum sichern.
„Es wird immer enger“, sagt Reinhard Quast, der in Neuenfelde Äpfel anbaut. „Wenn wir bei Frost nicht beregnen können, tut das weh. Dann ist die Ernte Geschichte.“

Die wilden Pflaumen blühen schon, die ersten Kirschen ploppen gerade auf, in etwa zwei Wochen werden die Äpfel folgen. „Die Tendenz ist, dass die Blüte immer früher kommt“, sagt Quast. „Frost kann es aber bis Ende Mai geben.“ Und je nach Stadium halten die Blüten Mi-nustemperaturen kaum oder gar nicht aus.

Der wärmende Eispanzer

Bei etwa Minus zwei Grad schalten die Obstbauern im Alten Land daher ihre Beregnungsanlagen ein. Was erst einmal unlogisch klingt, funktioniert so: Sobald das Wasser seinen Aggregatzustand von flüssig auf gefroren ändert, wird Energie frei. Diese Energie reicht aus, um die Temperatur an der Blüte konstant bei Null Grad zu halten. Das einzige und gleichzeitig essenzielle Problem dabei ist: Das Wasser muss jede Minute nachgeliefert werden, sonst funktioniert der Effekt nicht. Wenn die Beregnung abrupt und bei Minustemperaturen endet, ist die Blüte kaputt. Und wo keine Blüte, da später kein Obst.

Grund für eine plötzliche Unterbrechung kann ein technischer Defekt an der Anlage sein – oder ein leerer Beregnungsteich. „Es kann schon mal passieren, dass nicht ausreichend Wasser da ist, der Teich mitten in der Beregnung leer wird“, sagt Reinhard Quast. „Wenn das während der Königsblüte passiert, ist das der GAU.“

Airbus gräbt dem Obst das Wasser ab

Weniger Wasser als zuvor steht den Bauern seit der Erweiterung des Airbus-Geländes zur Verfügung, der größten Industrieerweiterung in der Geschichte der Stadt. Das Mühlenberger Loch schrumpfte dafür um 170 Hektar, zwölf Millionen Kubikmeter Sand und 60.0000 Sandsäulen machten aus einem Teil des Gewässers ein Werksgelände für Flugzeugbau.

Eine der Konsequenzen erklärt Karl Tamke vom Hauptentwässerungsverband der Dritten Meile des Alten Landes: „Es erfolgt keine Durchströmung mehr, das Wasser kommt schnell zum Stillstand.“ Das Mühlenberger Loch verschlickt seither mehr und mehr, weswegen die Stadt es jedes Frühjahr ausbaggern ließ. Kostenpunkt: rund 500.000 Euro. Die Wirkung hielt jedoch immer nur wenige Wochen: Dann stand der Schlick wieder genauso hoch wie vorher. Das wiederum bedeutet, dass von der Elbe seltener Wasser in die Bewässerungsgräben und Stauräume wie etwa Beregnungsteiche läuft. Künftig sollen jene Obstbauern ihr Wasser aus dem Reservoir der Alten Süderelbe bekommen, die bislang an das Mühlenberger Loch angeschlossen waren. Die Alte Süderelbe ist der einstige Hauptstrom der Elbe und nach der Sturmflut von 1962 zwischen Mühlenberger Loch und Moorburg abgesperrt worden. Heute ist die Alte Süder-elbe zwischen Finkenwerder und Francop/Neuenfelde Naturschutzgebiet.

Kanal spart Kosten für Ausbaggerung

Insgesamt 2200 Hektar Obstanbaugebiet liegen entlang der Alten Süderelbe und in Finkenwerder/Neuenfelde.
Im Zuge der Verhandlungen um Grundstücksankäufe in Neuenfelde für die Airbus-Werkserweiterung und die Verlängerung der Start- und Landebahn hatte die Stadt bereits im Jahr 2004 vertraglich zugesagt, einen Kanal für die Bewässerung der Obstplantagen zu bauen.

Sobald der Kanal seinen Zweck erfüllt, spart Hamburg die jährlichen Kosten von rund 500.000 Euro für die regelmäßige Ausbaggerung und die Entsorgung des Schlicks im Frühjahr. Zukünftig werde der Zulauf am Mühlenberger Loch nicht mehr freigebaggert, sagt Christoph Paesler, Projektleiter bei der städtischen Gesellschaft Rege, die den Graben baut. Bislang allerdings war das Baggern bitter nötig. Paesler: „Wenn man nicht baggern würde, würde es gar nicht mehr gehen.“

Wie weit die Obstblüte im Alten Land ist, können Sie hier erfahren: www.bluetenbarometer.de/Das-Bluetenbarometer-Altes-Land

Von Carolin George