Samstag , 31. Oktober 2020
Der wegen schwerer Brandstiftung angeklagte Sudanese Hamza I. mit seinem Verteidiger Eike Waechter kurz vor Prozessstart in Saal 121 des Landgerichts. Foto: be

Die verbrannte Sicherheit

Lüneburg. Hamza I. kam aus dem Sudan. Rund 6600 Kilometer liegen zwischen dem ostafrikanischen Land und dem ehemaligen Hotel „Lindenhof“ in Melbeck, wo er letztlich landete. Issydijibo Y. hingegen startete vom anderen Ende des Kontinents, von der Elfenbeinküste. 7900 Kilometer war er unterwegs. Der 32-jährige Sudanese spricht Arabisch, der 29-jährige Ivorer Französisch. Was sie eint, ist der Wunsch, in Deutschland Sicherheit zu finden. Dies misslang. Am Mittwoch schilderte Y., wie sehr er traumatisiert ist, seit I. am 5. Oktober 2018 ihre gemeinsame Unterkunft angezündet hat.

„Ich hatte gewartet, dass mich mein Fußballtrainer abholt. Da flog die Tür auf, I. warf Feuer rein. Ich rannte raus, er hinter mir her. So hatte ich ihn nie gesehen. Er hat mir Angst gemacht.“ Einem anderen Mitbewohner, der die Polizei alarmieren wollte, versuchte I. vergeblich, das Handy aus der Hand zu schlagen. Am Ende löschten 80 Feuerwehrleute den Brand. Nun muss sich der geständige I. vor der 3. großen Strafkammer wegen schwerer Brandstiftung verantworten.

Angeklagter konnte ohne Alkohol offenbar nicht leben

Zeuge Y. berichtete weiter, wie er I., der aus einer Schnittwunde am Handgelenk blutete, angeschrien hatte: „Was ist los mit dir? Doch er hat immer nur geantwortet: Du weißt, warum.“ Die gemeinsame Sprache der beiden Asylbewerber war Deutsch. Das reichte, um konkrete Probleme benennen zu können, wie die von der Ausländerbehörde abgelehnte Ausbildung, ein abzustotternder Schadensersatz für eine in einer Disco zerstörte Scheibe und die schwierige Integration in Deutschland. Doch ihre Gefühlswelt konnten sie wohl nicht ausloten. So konnte Zeuge Y. der Vorsitzenden Richterin Sabine Philipp nicht beantworten, warum I. „ohne Alkohol nicht leben konnte“, wie er ihm gegenüber eingeräumt hatte. Widersprüchliches hatte der Angeklagte über seinen Glauben gesagt: Gegenüber Y. habe er sich als Muslim bezeichnet, einem anderen sagte er, er sei Jude.

Die These des Verteidigers Eike Waechter, Motiv der Tat könnten Selbstmordgedanken gewesen sein, erhielt Nahrung durch die Aussage von Peer P., der damals als Notarzt vor Ort war. Danach sei I. wieder in die brennende Unterkunft zurückgelaufen, erst die Feuerwehr habe ihn rausgeholt. „Er war überhaupt nicht ansprechbar, konnte einen nicht fixieren, ließ zunächst nicht mal zu, dass er versorgt wird.“

Entschuldigung bei ehemaligem Mitbewohner

Zeuge Y. war nach der Tat fast zwei Monate krank. „Ich bin traumatisiert, weil meine Tante bei einem Brand umkam. Ich fühle mich immer noch nicht in Sicherheit.“ Die Angst ist aber auch ein Begleiter des Angeklagten. Y. erzählte, wie aufgewühlt I. war, nachdem Unbekannte vor der Asylbewerberunterkunft einen Feuerlöscher ausgeleert hatten. „Er hatte Angst.“

Um die aufgepeitschten Emotionen zu beruhigen, richtete der Angeklagte einige Worte an seinen Ex-Mitbewohner: „Ich bitte dich um Verzeihung. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Du warst ein guter Freund.“

Von Joachim Zießler

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