Montag , 28. September 2020
Bernhard Kallus, Jens-Peter Holm und Manfred Perlmann (v.l.) zeigen ihre alten Lastesel, sie pflegen die Oldtimer, einen Magirus, einen Mercedes und einen Hanomag aus den 50er und 60er Jahren, liebevoll. Foto: t&w

Die Leidenschaft der reiferen Herren

Lüneburg. Eines stellt Bernhard Kallus gleich mal klar: „Trucker geht gar nicht, wir sind keine, die mit Cowboyhut rumfahren.“ Nö, so sehen die Kerle auch nicht aus. Alle in den besten Jahren, in derben Klamotten, so wie „Berufskraftfahrer“ in den 1950er- und 60er-Jahren unterwegs waren, als man mit dem Laster Waren ausfuhr und beim Abladen kräftig anpacken musste. Jetzt stehen die Männer auf dem Hof der Firma Holz-Herbst in der Goseburg für ein paar Fotos mit der LZ. Sie sind stolz auf ihr Hobby, das sie hier zeigen: alte Lkw.

Mercedes ersetzte einst ein Pferdefuhrwerk

Kallus, 68 Jahre alt, lehnt an seinem Mercedes aus dem Jahr 1953. „Den habe ich vor 30 Jahren eigentlich gekauft, um Ersatzteile zu haben“, erzählt der Kfz-Meister. Doch der Motor tuckerte gleichmäßig, auch die Substanz war gut. Also behielt der Mann aus Brackel bei Hanstedt den Lastesel, der einst für den „Mühlenbetrieb J. Lohmann in Hove-Estebrügge“ im Alten Land im Einsatz war, das Schild prangt noch auf den Türen. Selbstverständlich gibt es Geschichten zu dem blauen Kraftpaket. Die schönste: „Der Müller hat ihn damals gekauft, als der Pferdekutscher gekündigt hatte.“ Neue Technik kam auf den Hof.

100-Kilometer-Tour mit alten Arbeits-Lkw

Kallus, der ein bisschen bärbeißig wirkt, aber ein herzlicher Mann ist, gehört zu einer Stammtischrunde, die sich trifft, um zu fachsimpeln, sich zu helfen und um zu Ausfahrten aufzubrechen. Am Sonnabend, 30. März, 10 Uhr kommen die – um im Jargon der 60er zu bleiben – Kapitäne der Landstraße auf das Holz-Herbst-Gelände an der Christian-Herbst-Straße, um 11 Uhr brechen sie zu einer 100 Kilometer langen Tour auf. Es geht während der nächsten dreieinhalb Stunden unter anderem durch Heiligenthal zum Mittagessen nach Barnstedt, von dort weiter nach Beverbeck, Jelmstorf, schließlich über Boltersen und Hittbergen zur Artlenburger Mühle.

Der Handwerker Manfred Perlmann zählt zu den Organisatoren der Fahrt. Der 63-Jährige ist mit einem Hanomag AL 28, Baujahr 1963, unterwegs: „Der war ursprünglich als Werkstattwagen der Polizei im Einsatz, später beim Katastrophenschutz.“ Später saß ein Privatmann hinterm Steuer: „Der ist jeden Tag von Bergedorf nach Norderstedt zur Arbeit gefahren. Quer durch Hamburg. 20 Jahre lang.“ Der Adendorfer verbindet natürlich auch eine Geschichte mit seinem Wagen: „Ich bin nicht zur Bundeswehr gegangen, und habe mich stattdessen zehn Jahre beim ASB verpflichtet. Da hatten wir Hanomags.“

Perlmann kaufte den Methusalem für 2500 Euro: „Ich habe ihn feldgrau lackiert.“ Vor allem steckte er eine Menge Arbeit in das Gefährt, das nun zuverlässig brummt. Für besondere Oldtimer, originalgetreu restauriert, zahlen Liebhaber gewaltige Summen: „Das geht schon mal um 250.000 oder sogar 400.000 Euro.“

Camping-Urlaub mit dem Magirus

So viel löhnt hier keiner. Jens-Peter Holm, Maschinenbau-Ingenieur und Landwirt, hat zunächst Trecker gesammelt, vor fünf Jahren kam er an seinen Magirus: „Der war vorher bei der Feuerwehr. Den Hühnerstall, also den Kastenaufbau, habe ich runtergenommen und einen Kipper draus gemacht. 3500 Euro habe er bezahlt, ihn zu einem Restaurator gegeben, einiges selber gemacht. Wenn der 70-Jährige Lust hat, spannt er einen Bauwagen hinter den alten Muskelprotz und kutschiert mit einem Kumpel etwa nach Franken, Campingurlaub. Wenn er erzählt, lächelt er mit einem milden Strahlen, so wie die betagten Scheinwerfer seines Lkw.

Detlef Stamer gilt bei den Jungs als „Hanomag-Papst“. Seine Zugmaschine samt Hänger stammt aus dem Jahr 1958, hat 70 PS und leistet ihren Dienst zuverlässig: „Ich fahre Holz damit.“ 1982 habe er den Oldie gekauft, der sei „klein, wendig, schnell“. Ideal. Während andere schon mal lange nach Ersatzteilen gucken müssen, hat es der 63-Jährige aus Breitenfelde im Lauenburgischen einfacher: „Ich handle mit Motoren.“ Mit Geschick könne man auch Teile aus Schleppern nutzen.

Und geschickt sind sie alle. Man muss ein Händchen haben, wenn man alte Schätzchen liebt. Dabei einen Cowboyhut wie ein Trucker zu tragen wäre nur hinderlich beim Schrauben.

Von Carlo Eggeling