Montag , 21. September 2020
Axel Mangelsdorf ist in seiner Küche in Ahrenschulter auf der Suche nach Handyempfang. (Foto: t&w)

Dörfer bald ohne Telefon?

Ahrenschulter/Barnstedt. Mit dem Handy telefonieren, das kann Axel Mangelsdorf bei sich zu Hause in Ahrenschulter nur in einem sehr günstigen Winkel am Küchenfenster, Internet bezieht er zu einem horrenden Preis über Satellit. Anders geht es nicht. Für eine holländische Papierfirma arbeitet er im Homeoffice und ist darauf angewiesen, online zu sein. „Datenübertragung kann man damit allerdings vergessen“, erzählt der gelernte Schriftsetzer.

„Wir sind das Aushängeschild Europas, aber kriegen es nicht hin, die Landbevölkerung ans Netz anzubinden.“
Axel Mangelsdorf, Einwohner von Ahrenschulter

„Meine holländischen Kollegen lachen sich tot über meine Situation. Wir sind das Aushängeschild Europas, aber kriegen es nicht hin, die Landbevölkerung ans Netz anzubinden.“ Zumindest funktioniert das Festnetztelefon – meistens. Etwa viermal im Jahr ist Ahrenschulter auch davon abgeschnitten, wegen Bäumen auf den Leitungen, Schnee und ähnlichen unvorhersehbaren Ereignissen. „An drei Tagen in der Woche bin ich im Ausland und meine Frau mit den Kindern alleine. Dann male ich mir schon immer Horror-Szenarien aus, wenn ich niemanden erreichen kann“, sagt der zweifache Vater.

Telekom nennt Alternativen – buchbar ab 2020

Neue Festnetzanschlüsse könnten gar nicht mehr beantragt werden. Das Problem haben seine zugezogenen Nachbarn, die gerade Eltern geworden sind, erzählt Mangelsdorf. „Am Fenster können sie mit dem Handy ein bisschen was vom Boizenburger Signal mitnehmen.“

Mangelsdorf hat sich bei der Telekom nach Funkausbau erkundigt, um das Boizenburger oder Hittberger Signal aufnehmen zu können. Die Antwort: Das sei möglich, die Kosten von 10 000 Euro müsse er aber selbst tragen. Nun wurde ihm auch noch sein Telefonanschluss gekündigt, weil die Voice-over-IP-Telefonie, das Telefonieren über das Internet, eingeführt wird. Für Mangelsdorf reiner Hohn, denn diese Art des Telefonierens wird in Ahrenschulter nicht funktionieren. Mangelsdorf hat sich mit seinem Anliegen bereits an den Bundestagsabgeordneten Eckhard Pols, Landrat Manfred Nahrstedt und die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, gewandt – ohne Erfolg.

Der gebürtige Franke ist enttäuscht: „Meine Frau und ich haben uns bewusst entschieden, aus Hamburg in ihren Heimatort zurückzukehren, den Familienbesitz zu halten. Wir lieben das beschauliche Leben und sind glücklich – aber man macht uns das sehr schwer. Wenn die Politik will, dass das hier am Leben bleibt, sich junge Familien ansiedeln, warum tut sie nichts für uns?“
Auf LZ-Nachfrage lässt die Telekom verlauten, man sei mittendrin im Glasfaserausbau. Buchbar seien die Anschlüsse für Kunden jedoch erst ab 2020. „Wir bemühen uns, betroffenen Kunden gegebenenfalls über Funk oder einen Satellitenbetreiber eine alternative Lösung zur Internetnutzung anzubieten. Selbstverständlich kommen wir unserer Universaldienstverpflichtung nach“, sagt Telekom-Sprecherin Stefanie Halle. Zufrieden stellt Mangelsdorf das nicht.

„Für Gewerbetreibende ist die Situation katastrophal“

Vernachlässigt fühlen sich auch die Menschen in Barnstedt. „Wir sind flächendeckend davon betroffen, dass ISDN abgeschafft wird“, sagt Bürgermeister Randolff von Estorff. Er zitiert Frankreichs Königin Marie Antoinette: „,Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen‘, nichts anderes vermittelt uns die Telekom mit der Umstellung auf ,Voice over IP’, das ist zynisch.“

Zudem hat die Telekom den Breitbandausbau in Barnstedt gestoppt, im Herbst soll es weitergehen. Es gäbe akutere Fälle, Barnstedt müsse hinten anstehen. Daran, dass der Breitbandausbau Ende des Jahres abgeschlossen sein wird, glaubt keiner mehr. „Ich finde, hier brennt es auch lichterloh“, empört von Estorff. Er fordert, dass die Telekom, bis das Breitbandprojekt abgeschlossen ist, eine andere Technik zur Verfügung stellen, zusätzliche Masten aufbauen muss. Für Privatpersonen sei der Zustand unerträglich, für Gewerbebetriebe eine wirtschaftliche Katastrophe.

„Die Bäckerei Kruse musste für viel Geld eine Standleitung installieren. Ein Zahnlabor kann die gescannten Zähne bei sich nicht auslesen und muss dafür nach Oedeme fahren.“ Ein Medizin-Controller hatte sich in Barn­stedt ein Grundstück gekauft, um sich dort selbstständig zu machen, dem Ort aber nun doch eine Absage erteilt, weil er ohne schnelles Internet nicht arbeiten kann. „Es geht hier nicht um Netflix und Co, sondern um Existenzen. Wir dachten, irgendwann sei das Elend zu Ende, haben uns an den Strohhlam geklammert, dass es Ende 2019 geschafft ist. Jetzt sind wir nur noch fassungslos“, sagt von Estorff. Am Mittwoch wird es in Barnstedt eine Info-Veranstaltung zum Thema Breitbandausbau geben, bei der sich der Bürgermeister endlich Antworten von Verantwortungsträgern der Telekom erhofft.

Infoveranstaltung am Mittwoch Abend

Noch etwas zuversichtlicher als von Estorff zeigt sich der Bürgermeister der Samtgemeinde Ostheide, Norbert Meyer, was Ahrenschulter betrifft. „Ich habe das Gefühl, dass langsam Bewegung in die Causa kommt, aber nach dem, wie es bislang gelaufen ist, würde ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen“, sagt er. „Bei der Telekom weiß die linke Hand nicht, was die rechte macht, das ärgert natürlich maßlos.“ Meyer verspricht, für ein schnelles Vorankommen zu kämpfen. Klar scheint zu diesem Zeitpunkt nur, dass das Thema Breitbandausbau den Landkreis noch lange beschäftigen wird.

Die Gemeinde Barnstedt lädt ein zur Informations-Veranstaltung für heute, Mittwoch, 27. März, im Gasthaus Grote. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Von Lea Schulze