Montag , 21. September 2020
Martin Stein (l.) und Udo Westerhold hatten bereits 2014 erste Funde am Artlenburger Mühlenweg entdeckt. Dadurch wurde eine archäologische Ausgrabung in Gang gesetzt, die sensationelle Funde zu Tage gefördert hat. Foto: sel

Schätze der Storchenwiese

Scharnebeck. Zu schade, dass sich Wissenschaftler nicht an Spekulationen beteiligen. Dabei laden die archäologischen Funde aus dem Boden Artlenburgs – unter ihnen sind allein über 150 Metallstücke – geradezu zu Mutmaßungen ein. Aber Grabungsleiterin Ann-Katrin Meyer stellte gleich zu Beginn ihres Vortrages in der Scharnebecker Domäne am vergangenen Freitagabend klar: „An Spekulationen beteilige ich mich nicht.“

Diese alte Münze gehört zu den Funden. F.: Krohn

Zum Glück lässt sich Christian Krohn, der maßgebliche Initiator der Grabungsstelle „Mühlenweg“, zu der einen oder anderen Spekulation hinreißen. Dass die zahlreichen Funde den Standort der ehemaligen Ertheneburg südlich der Elbe in Artlenburg belegen, steht für ihn schon seit dem Grabungsbeginn 2016 fest. „Besonders die Befunde aus der Billungerzeit sind archäologische Indizien dafür, dass die ‚Ertheneburg‘, in der der letzte Billunger Magnus 1106 verstarb, immer in Artlenburg gelegen hat.“

Vieles konnten sich nur reiche Leute leisten

Krohn hält es auch nach wie vor für möglich, dass er und sein Team auf die einstige Erthene gestoßen sind, denn sie haben vor knapp drei Jahren einen Wasserlauf entdeckt. Denkbar, dass er sich einst durch die Siedlung, die sich ca. 400 Meter südöstlich der Burg befand, gen Norden zog, die Burg umkreiste und in der Elbe mündete. Nach den jüngsten Ausgrabungen spricht Krohn von „sensationellen Funden“, zu denen neben sehr vielen Tierknochen auch Messer, Schmuck und Pfeilspitzen gehören. Unter den zahlreichen Scherben aus sächsischer und slawischer Zeit finden sich auch Reste von „Pingsdorfer Ware“ aus dem Rheinland: Das waren hartgebrannte Keramikkrüge, die vor allem als Transportgefäße genutzt wurden und mit typischen, roten Mustern verziert waren. „Das konnten sich nur reiche Leute leisten“, sagt Krohn. Dass Artlenburg an der Elbe ein lebhafter, viel besuchter Handels­ort war, belegen auch Funde wie Münzen aus dem 10., 11. und 12. Jahrhundert, Gewichte für Balancewaagen, ein Kassettenschlüssel und Messer. Das „Highlight“ für Krohn stellen zwei Reitersporne dar, die mit Löchern für die Schlaufen versehen sind – „Prachtexemplare“ für den Heimatforscher aus Rullstorf.

Auch dieser Reitersporn wurde entdeckt. Foto: Krohn

Hinter den Funden steckt mühevolle Arbeit unter erschwerten Bedingungen, denn der vergangene heiße und trockene Sommer machte es dem Ausgrabungsteam von AGIL Reppenstedt schwer. Ann-Katrin Meyer skizzierte, wie schwierig es war, Verfärbungen im Boden aufzudecken, denn die Trockenheit erschwerte die Sicht beträchtlich. Waren Verfärbungen im Boden freigelegt, wiesen sie häufig diffuse Strukturen auf, dennoch stießen die Archäologen, die von einem freiwilligen Team vor Ort engagiert unterstützt wurden, auf einige „Gruben par excellence“. Sie dienten offensichtlich als Abfallgruben, da sie eine Vielzahl von Scherben und Metallfunden aufwiesen. Möglicherweise wurde auch ein Brunnen entdeckt. Auffällig ist die sehr hohe Zahl an Tierknochen – die Händler haben sich hier einst gut genährt. „Noch ist keine sichere Deutung möglich, auch eine genaue Datierung steht noch aus“, betonten Meyer und Dr. Frank Andraschko von AGIL. Allerdings waren Holzkohlefunde bereits per C 14-Methode (Radiokarbonmethode) untersucht und mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent auf den Zeitraum 1025 bis 1157 datiert worden.

Privileg von Heinrich dem Löwen

Zu den Funden gehört dieses Kugenzonengewicht. Foto: Krohn

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts war Herzog Heinrich der Löwe präsent im Lüneburger Raum, auf der Ertheneburg hielt er Landtage ab, erließ hier 1161 das wichtige Artlenburger Privileg, das die Hanse einläutete. Womöglich stecken in der Storchenwiese weitere Zeugnisse, die sogar Spekulationen um den ehrgeizigen Heinrich den Löwen zulassen, allerdings ist die Neubausiedlung mittlerweile fast komplett bebaut. Dank SEB und Hilfe der Samtgemeinde wurden die Ausgrabungen erst ermöglicht. Jetzt suchen Krohn und seine Mitstreiter nach Förderern für die Restaurierung der Fundstücke. Denn diese seien „oft in keinem guten Zustand. Und die Niedersächsische Denkmalpflege beteiligt sich nicht an der Restaurierung, sodass der Heimatkundeverein sich alleine auf die Suche machen muss“, bedauert Krohn, der Vorsitzender des Scharnebecker Heimatkundevereins ist.

Von Silke Elsermann