Dienstag , 20. Oktober 2020
Arnhild Zorr-Werner und ihr Mann Bernd engagieren sich in der Stiftung Medien- und Onlinesucht. (Foto: t&w)

Wenn Kinder im Internet Pornos gucken

Lüneburg. Kinder und Pornografie – das hält man für etwas, das nicht zusammenpasst, im Alltag schaut es anders aus. In der Stiftung Medien- und Onlinesucht wissen Fachleute, dass Mädchen und Jungen sehr früh mit Sexangeboten konfrontiert werden. Ein paar Klicks und im Internet öffnen sich Türen, die harte Praktiken zeigen. Die Stiftung lädt am Donnerstag, 21. März, von 10 bis 13 Uhr zu einem Fachgespräch ins Roy-Robson-Haus am Markt ein. 40 Teilnehmer haben zugesagt. Ihr Thema: „Mit neun Jahren ist es noch zu früh – mit Kindern über Pornografie reden“. Die LZ sprach mit der Fachberaterin Arnhild Zorr-Werner von der Stiftung.

Frau Zorr-Werner, wie kommen Kinder mit Pornografie in Kontakt? Und was tun sie?

Zorr-Werner: Die meisten Kinder haben ein Smartphone, dass sie oft ohne Sicherung oder Filterschutzsoftware unbegrenzt nutzen dürfen. Ganz konkret erleben Kinder über alle Kanäle Angebote, die ihre sexuelle Neugier wecken. Zum Beispiel ist das sogenannte Sexting ein häufig auftretendes Phänomen bei Jugendlichen. In sozialen Netzwerken werden Bilder mit sexuellen Posen verschickt, die Jugendlichen geben ihre Intimität auf, um sich attraktiver für den Partner oder Freunde zu machen. Sie sehen das als „Liebesbeweis“ und hoffen auf Anerkennung. Dass diese Bilder zum Cyber-Mobbing genutzt werden, bedenken sie nicht. Das ist naiv. Hier fehlt Aufklärung und wertschätzende Begleitung.

Gibt es Zahlen zum Thema?

Es gibt hierzu in Europa bisher wenig Langzeitforschung dazu. Die Studie „Porno im WEB 2.0“ stellt uns vor erschreckende Tatsachen: 45,5 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren konsumieren einmal im Monat Pornos, knapp zehn Prozent davon täglich!

Für junge Menschen in der Pubertät ist Sexualität ein großes Thema, das kennt man von sich selber. Was hat sich verändert?

Wir haben damals Bravo oder Praline gelesen. Heute ist es ein Klick, und Sie haben alle Praktiken, alles was wir wollen.

Was macht das mit jungen Menschen, die, wenn man auf die Titel Ihrer Tagung schaut, schon mit neun Jahren solche Szenen sehen?

Anfangs sind sie verwirrt über ihre Gefühle. Ihre Phantasien werden genährt und damit sind sie in der Regel allein. Es findet ein Gewöhnungsprozess statt. Gleiche Reaktionen können nur mit erhöhter Stimulation erzeugt werden. Fehlt Heranwachsenden die Kompetenz, das Gesehene kritisch zu hinterfragen, wird die in Pornos gezeigte, gefühllose Sexualität oft als Normalität wahrgenommen. Und das hat Auswirkungen auf die Identitätsfindung, Körperwahrnehmung und ihren sexuellen Leistungsdruck. Prävention ist die Antwort. Aktuell geht ein Ex- Pornodarsteller in die Schulen und erklärt, dass Pornos nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Die Schüler sind beeindruckt von seinen Erfahrungen und beginnen zu reflektieren.

Wir halten unsere Gesellschaft für offen und aufgeklärt, doch Sexualität ist für viele immer noch ein Tabu. Was sollten Eltern tun?

Eltern sind keine WG-Partner oder Freunde. Wir sagen: Ihr seid Eltern und somit in der Erziehung verantwortlich. Der Zugang zu Eltern ist aber schwierig, viele sagen, ihre Kinder tun das nicht. Unser Rat: Zeigen Sie Verständnis. Zeigen Sie, dass auch Sie – mit anderen Mitteln als heute – Erfahrungen sammeln mussten, dass Sexualität etwas Überwältigendes ist, dass sich vielleicht auch ängstlich anfühlt und mit Scham besetzt ist. Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Kinder Fragen stellen können.

Sollten Eltern das Thema Pornografie konkret ansprechen?

Ja, sagen Sie: Ich möchte nicht, dass du Pornos schaust. Dann beginnt sicher ein Dialog. Kommen Sie an das Kind nicht heran, weil es möglicherweise schon länger pornografische Filme schaut, ist es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen.

Von Carlo Eggeling