Mittwoch , 23. September 2020
Hilke und Jochen Hartmann setzen auf Biodiversität, nehmen als einer von bundesweit zehn Testbetrieben teil am F.R.A.N.Z.-Projekt, das 2018 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet worden ist. Foto: t&w

Vielfalt auf den Feldern

Lüneburg. Seine Äcker und Felder sind Anziehungspunkte. Das liegt zum einen an den Blühstreifen, die Spaziergängern ins Auge fallen. Dazu hat Jochen Hartmann re gelmäßig Besuch von Wissenschaftlern, die genau untersuchen, was sich im und auf dem Boden tut. Aber was für den Landwirt aus Rettmer das Allerbeste ist: Er hat mittlerweile auf seinen Anbauflächen auch mehr Besuch von Tieren, Insekten, Singvögeln und Schmetterlingen etwa. „Ich kann Schwalbenschwänze beobachten, die Zitronenfalter wimmeln im Getreide. Das ist faszinierend.“

Blühstreifen mitten durch das Feld

Hartmann bewirtschaftet einen 200-Hektar-Hof wie er typisch für die Region ist: Kartoffeln, Rüben und Getreide. Er arbeitet konventionell und doch ist bei ihm seit zwei Jahren einiges anders. Als einer von zehn landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland wurde der Hof 2016 für das Projekt F.R.A.N.Z. ausgewählt. Das heimste 2018 den deutschen Nachhaltigkeitspreis ein und steht „Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft“. Federführend bei der Durchführung sind die Michael-Otto-Stiftung und der Deutsche Bauernverband. Die Betriebe erproben praxis­taugliche und wirtschaftlich tragfähige Naturschutzmaßnahmen. Ziel ist es, Lebensräume für typische wildlebende Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Welche Maßnahmen umgesetzt werden, das erarbeitet der Landwirt in enger Absprache mit einem Projektbegleiter aus der Naturschutzberatung.

Neu sind bei Hartmann etwa die mehrjährigen Blühstreifen: „Die sind im zweiten Jahr nicht mehr so bunt, aber für die Insekten hochwertiger, weil die Pollenqualität zunimmt.“ Er hat Erbsenfenster als Brutplätze für Feldlerchen angelegt, einen Blühstreifen auch mal mitten durch das Feld gezogen und im lichten Getreide auf einer Versuchsfläche eine blühende Untersaat aus Kräutern wachsen lassen. Das lockt wiederum Nützlinge an, die Läuselarven verspeisen. „Der Bestand war sauber – und das ohne Herbizid“, so Hartmann begeistert. „Ich hatte ja ursprünglich mal gelernt, dass das so nicht funktionieren kann. Aber jetzt hat mich das Thema angefixt.“

„Der Bestand war sauber – und das ohne Herbizid.“ – Jochen Hartmann , Landwirt

Was aber auch funktionieren muss, ist die Wirtschaftlichkeit. Etliche Maßnahmen verbessern die Bodenqualität und können den Einsatz von Pestiziden senken, bringen aber auch niedrigere Erträge. „Wir müssen als Landwirte gesunde Lebensmittel produzieren. Und wir müssen uns für Biodiversität und Klimaschutz einsetzen. Da gibt´s für mich nichts zu verhandeln“, sagt Hartmann. Er ist überzeugt, dass nur eine größere Artenvielfalt und intakte Ökosysteme langfristig ausreichend hohe Erträge sichern. Die Verbraucher müssten aber auch bereit sein, faire Preise für landwirtschaftliche Produkte zu zahlen.

F.R.A.N.Z. steht erst am Anfang und soll bis 2026 ständig weiterentwickelt werden. Kosten und ökologischer Nutzen der Maßnahmen werden genau dokumentiert. Die besonders effizienten sollen in künftige Förderprogramme einfließen, damit es auf vielen Feldern künftig wieder stärker summt, brummt und flattert.

Infoveranstaltung in Bardowick

„Auch wir Jäger haben ein großes Interesse an einer Biotopverbesserung“, sagt Thomas Girr vom Hegering Kirchgellersen. „Und wir wollen den Brückenschlag zwischen Landwirten, Jägern und Bürgern. Da gibt es nämlich noch viele Informationsdefizite.“

Deshalb lädt der Hegering zur Infoveranstaltung für Dienstag nach Bardowick ein. Dann wird Jochen Hartmann von seinen bisherigen Erfahrungen mit F.R.A.N.Z. berichten. Ebenfalls als Referenten dabei sind in Bardowick Björn Rohloff (Stiftung Naturlandpflege), der das Projekt fachlich begleitet, sowie der Berufsjäger Tobias Möller.

Von Ute Klingberg-Strunk