Dienstag , 22. September 2020
Die Stofftiere zeigen auf Zetteln, welche Probleme einige Kinder von psychisch kranken Eltern beschäftigen. (Foto: privat)

Damit die Kinderseele nicht leidet

Lüneburg. Charlottes Vater ist psychisch krank. Als die Zwölfjährige Anfang 2018 in Hamburg die Premiere des Films „Wir sind hier!“ über Kinder psychisch kranker Eltern sieht, spürt sie das erste Mal, dass sie nicht alleine ist, dass viele Kinder betroffen sind. „Die Kinder im Film haben sich über eine Gruppe für Kinder psychisch kranker Eltern kennengelernt, wellengang hamburg e.V., und der Film hat gezeigt, wie viel Kraft die Gruppe ihnen gegeben hat. Sowas wünsche ich mir auch für Lüneburg“, weiß Charlotte – und ergreift die Initiative, sie findet nach der Vorführung des Films im Lüneburger Scala Mitstreiter etwa von der Selbsthilfe-Kontaktstelle, der Psychiatrischen Klinik und dem Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE). Jetzt steht eine Lüneburger Gruppe kurz vor der Gründung.

Angst, dass ein Geheimnis ans Licht kommt

Leiten wird die Gruppe die Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin Claudia Scharf vom VSE. Sie weiß, „dass die psychische Erkrankung eines oder beider Elternteile für Kinder ein erhöhtes Risiko darstellt, selbst psychische Beeinträchtigungen oder Erkrankungen zu entwickeln“, und prophezeit: „Die größte Herausforderung wird es sein, Kinder zu finden, die sich als betroffene Angehörige outen, und Eltern, die ihnen das erlauben.“

Viele Kinder und Familien hätten Angst davor, dass ein lang gehütetes Familiengeheimnis ans Licht kommt, wenn bekannt wird, dass ein oder beide Elternteile psychisch erkrankt sind. Dies könne Ängste und Unsicherheiten auslösen. „Psychische Erkrankungen sind leider immer noch ein Tabu und gesellschaftlich stigmatisiert. Doch in der Gruppe muss niemand Konsequenzen fürchten und der Schwerpunkt liegt nicht zwingend darauf, Internes aus den Familien zu erzählen oder ausschließlich zu reden.“

Kinder sollen sich gegenseitig stärken

Aus Sicht der zwölfjährigen Charlotte ist die Gruppe dafür gedacht, dass die Kinder und Jugendlichen sich gegenseitig stärken, unbeschwert Kind sein können und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln oder ausbauen. „Ich möchte auch Ausflüge machen oder Dinge unternehmen, die zu verarbeiten helfen, was zu Hause los war, und einfach gemeinsam Sachen machen, die Spaß machen.“ Sie will lernen, gut für sich zu sorgen und es sich gut gehen lassen, auch wenn es ihrem Vater manchmal schlecht geht, und weiter üben, für sich gesunde Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist dazu ein geschützter Raum und das Wissen, dass alles, was die Kinder teilen, vertraulich behandelt wird. Genau das will die neue Gruppe bieten.

Den professionellen Hintergrund erläutert Claudia Scharf: „Die Gruppe wird von uns als wahrnehmungs- und erlebnis­orientiertes Angebot verstanden. Hier kann es neben Aufklärung über Krankheitsbilder und Vermittlung von Bewältigungsstrategien um die Ermutigung der Kinder gehen, eigene, zum Teil auch widerstreitende Gefühle wie Trauer, Liebe und Wut zu erleben und auszudrücken, und um die Förderung individueller Stärken und Ressourcen.“

Die Entlastung von Scham- und Schuldgefühlen

Auch die Entlastung von Scham- und Schuldgefühlen, die Kinder psychisch erkrankter Menschen oft begleiten, und die Stärkung von Selbstvertrauen können eine wichtige Rolle spielen in der Gruppe. Dabei können verschiedene Medien wie Entspannung, Bewegung, Musik, Film oder Malen und Basteln genutzt werden. „Wichtig ist mir, dass wir selbst entscheiden können, was uns wichtig ist und worauf wir Lust haben“, sagt Charlotte.

Die Treffen und ein Film

Das erste Treffen der neuen Gruppe läuft am Montag, 25. März, von 16 bis 17.30 Uhr in den VSE-Räumen, Wilschenbrucher Weg 61, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Danach sollen Treffen mindestens einmal monatlich stattfinden. Weitere Informationen gibt es bei Gruppenleiterin Claudia Scharf unter (04131) 65570 oder claudia.scharf@vse-lueneburg.de.

Der Film „Wir sind hier!“ der Regisseurin Andrea Rothenburg über Kinder psychisch erkrankter Eltern wird nochmals im Scala Programmkino an der Lüneburger Apothekenstraße gezeigt am Sonntag, 24. März, um 12 Uhr.