Freitag , 23. Oktober 2020
Der rund 550 Zuschauer fassende Theatersaal wird in der Rosen-Serie ausverkauft aussehen, doch nur 80 Komparsen waren bei dieser Szene dabei – die freien Plätze sind auf dem Bildschirm nicht zu sehen. Am Nachmittag wurde mit 40 weiteren Komparsen gedreht. (Foto: be)

Ovationen schon vor der Premiere

Lüneburg. Premieren erlebt das Lüneburger Theater oft. Nun aber gibt es gleich eine doppelte, ganz besondere Premiere: Die Oper „Der Rosenkavalier“, 1911 von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal geschrieben, erlebt ihre Lüneburger Erstaufführung am Sonnabend, 9. März – und bekam schon am Dienstag stehende Ovationen. Die ARD-Serie Rote Rosen macht es möglich: Die Drehbuchautoren nahmen die Opernaufführung in ihre Geschichte auf. Gedreht wurde im Theater mit 120 Komparsen, die kräftig für ein Stück applaudierten, das sie gar nicht sahen: Bis auf Patrik Fichte war die Bühne leer, der Regisseur gab den Zuschauern Anweisungen. Ein Kamerateam zeichnet die Generalprobe und die Aufführung am Samstag auf, schneidet die Szenen von Dienstag rein.

Sängerin Signe Heiberg spielt die Sängerin Signe Heiberg

Es ist die erste Zusammenarbeit von Theater und der Rosen-Produktionsfirma Serienwerft. Vor eineinhalb Jahren war klar, dass das Theater den „Rosenkavalier“ auf die Bühne bringt. Intendant Hajo Fouquet erzählt: „Ich rief den Rosen-Produzenten Emmo Lempert an, der war von einer Kooperation begeistert.“ In der Story gelingt es Johanna Jansen (Brigitte Antonius), die Finanzierung ihrer Lieblingsoper sicherzustellen. Und Eliane (Samantha Viana) soll eine kleine Rolle erhalten, obwohl die klassische Musik nicht ihr Ding ist und sie die Generalprobe verpatzt – was die abergläubische Operndiva Signe Heiberg auf eine gerettete Premiere hoffen lässt.

Theaterexperten und Fernsehstars trafen am Dienstag aufeinander. Mit dabei war auch Signe Heiberg, seit der Spielzeit 2015/16 Sopranistin am Theater. Die Dänin spielt im TV ihre eigene Figur und ist im realen „Rosenkavalier“ die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg. So kam sie zu ihrer ersten Fernsehrolle, dreht noch bis zum Wochenende: „Das macht richtig Spaß. Das Fernsehen ist eine ganz andere Welt, spannend zu sehen, wie eine Serie entsteht.“

Film und Bühne sind verschiedene Welten

Dass Film und Bühne verschiedene Welten sind, weiß auch Haupt-Rose Gerit Kling, die sich in beiden bestens auskennt und in beiden gelobt wird: „Es gibt andere Gesetze.“ Auf den Bühnenbrettern müssten die Texte für ein breites Publikum einen ganzen Saal füllen: „Im Film zählen auch kleine Gesten.“ Es gebe wenige Schauspieler, die in beiden Metiers gut sind. Sie selbst komme von der Bühne, die sei ihr Zuhause: „Ich habe in diesem Jahr mein 30-jähriges Bühnenjubiläum.“ Und das feiert sie mit einer eigenen Inszenierung: „Wir gehen nach meiner Rosen-Zeit mit dem Stück ,Falsche Schlange‘ von Alan Ayckbourn vom 31. Oktober an auf Deutschlandtournee.“ Bei dem Psycho-Thriller führt sie nicht nur Regie, sie spielt auch die Hauptrolle. Am Dienstag verkaufte sie in ihrer Rolle als Hilli aber noch Bonbons im Foyer des Theaters.

Das Theater liebt auch die Eliana verkörpernde Samantha Viana, die ihre Ausbildung an der Schule für Schauspiel Hamburg absolvierte. Als Studentin besuchte sie Vorstellungen an Hamburger Theatern. Später stand sie selbst auf den Brettern etwa im Thalia Theater oder bei den Hamburger Kammerspielen. Und Brigitte Antonius, Grande Dame der Rosen, hatte eine bewegte Theaterkarriere hinter sich, als sie Ende der 90er-Jahre vom Fernsehen entdeckt wurde. Und eine Lieblings-Oper hat sie auch: „Den ,Rosenkavalier‘ habe ich mindestens 15 Mal gesehen.“

Die Oper legt Brigitte Antonius den Theatergängern ebenso ans Herz wie Regisseur Patrik Fichte, der 2013/14 als Ole Wolf selbst die Hauptrolle in den Rosen an der Seite von Maike Bollow spielte. Er hielt die Komparsen bei bester Laune, begrüßte sie mit den Worten „Wir drehen hier das ,Kettensägenmassaker‘, Teil 13.“ Für die Kleindarsteller wurde es zwar spannend, aber nicht blutig.

Stimmen zum Projekt

Genreüberschreitende Ideen

Die verantwortliche NDR-Redakteurin Meibrit Ahrens freut sich, „dass wir bei dem Theater Lüneburg und seinem Intendanten Hajo Fouquet sogleich eine große Bereitschaft und Lust verspürt haben, neue genreüberschreitende Ideen gemeinsam auszuprobieren“.

Für Rote-Rosen-Produzent Emmo Lempert „hat die gute Unterstützung in der Stadt mit dem Theater Lüneburg eine neue, vielversprechende Komponente dazugewonnen“.

Auch Theater-Intendant Hajo Fouquet ist angetan „von den spannenden Dimensionen“ dieser Kooperation: „TV-Fiction wird Theater-Realität – unser Haus ist immer offen für ungewöhnliche Ideen. Und dies ist eine Megawerbung für das Theater.“

Von Rainer Schubert