Donnerstag , 24. September 2020
Ulrike Freitag beklagt „eine unwürdige Behandlung“ im Lüneburger Klinikum. (Foto: t&w)

Eine Nacht zum Vergessen auf dem Flur

Lüneburg. Nach einer überstandenen Lungenentzündung war Ulrike Freitag sehr schwach und stark dehydriert. Ihr Hausarzt riet ihr deshalb zu einem Krankenhausaufenthalt und stellte eine Einweisung ins Städtische Klinikum aus. Was sie dann in der Notaufnahme erlebte, macht sie immer noch fassungslos.

Keine Nachfragen und nichts zu trinken

Die Lüneburgerin schildert die Situation in der Nacht zum 20. Februar so: „Ich traf um 20 Uhr im Krankenhaus ein und wurde in die Notaufnahme gebracht. Dort musste ich mich in ein Bett legen. Es wurde ein EKG erstellt, der Blutdruck gemessen und ein Zugang für einen Tropf gelegt. Gegen 20.30 Uhr wurde mein Bett dann auf dem Flur abgestellt.“ Von da an habe sich niemand mehr um sie gekümmert, „keiner fragte, wie es mir geht, niemand gab mir etwas zu trinken, obwohl ich wegen starker Dehydrierung eingeliefert worden war. Um 4 Uhr waren anscheinend alle Notfälle versorgt, und auch ich durfte endlich zum Arzt. Der wollte noch ein Röntgenbild meiner Lungen haben und ich musste wieder warten.“

Morgens um 6 Uhr, also zehn Stunden nach der Einlieferung, sei dann eine Schwester gekommen, um sie auf die Station zu bringen, berichtet Ulrike Freitag. „Ich bat sie um ein Schlafmittel, weil ich die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte.“ Die Antwort der Schwester sei gewesen: „Es ist 6 Uhr morgens und helllichter Tag – da verteilen wir keine Schlafmittel mehr.“

Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr beschäftigt

Die LZ bat das Klinikum um eine Stellungnahme. Angela Wihelm, Sprecherin der Gesundheitsholding, unter deren Dach auch das Klinikum firmiert, sagt: „In der Nacht zum 20. Februar gab es außergewöhnlich viele schwer erkrankte Notfallpatienten in der Notaufnahme. Vier Ärzte und mehrere Pflegekräfte waren nahezu rund um die Uhr mit der Versorgung dieser Patienten beschäftigt. Da alle Behandlungsplätze der Notaufnahme belegt waren und auch die Aufnahmekapazität der Stationen ausgeschöpft war, mussten einige Patienten die Nacht im Bett auf dem Flur der Notaufnahme verbringen.“

Davon sei auch Ulrike Freitag betroffen gewesen, „die bei ihrer Ankunft in der Notaufnahme nach Erhebung der üblichen Parameter im Rahmen der ­Ersteinschätzung als ‚weniger dringlich‘ eingestuft wurde“. Während der sich anschließenden Wartezeit habe sich die betreuende Pflegekraft nach Wilhelms Informationen immer wieder über den Zustand der Patientin informiert. Die Sprecherin der Holding sagt: „Details zur Erkrankung und Behandlung können aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht nicht genannt werden, es bestand aber zu keinem Zeitpunkt eine medizinische Gefährdung der Patientin.“ Ulrike Freitag hält dagegen: „Es ist schlichtweg falsch. Von 20.30 bis 4 Uhr morgens hat sich absolut niemand um mich gekümmert oder mich angesprochen.“

Räumliche Kapazitäten im Klinikum verbessern sich

Angela Wilhelm macht auch deutlich: Das Klinikum Lüneburg bedauere die durch die „besonderen Umstände“ entstandene, sehr lange Wartezeit und späte Verlegung der Patientin auf eine Bettenstation außerordentlich. Sie verweist darauf, dass seit dem vergangenen Montag die neue, interdisziplinäre Notaufnahme mit angeschlossener Aufnahmestation im Erweiterungsbau ihre Arbeit aufgenommen hat. Wilhelm ist sicher: „Wegen der dort besseren räumlichen Kapazitäten wird zumindest ein Teil der beschriebenen Probleme nicht mehr auftreten, auch wenn die Inanspruchnahme einer Notaufnahme auch in Zukunft nicht vorherzusagen und planbar sein wird.“

Von Antje Schäfer