Sonntag , 1. November 2020
Lieber auf vorhandenen Wegen durch die Natur gen Hamburg radeln, statt einen neuen Schnellweg zu bauen, dafür plädiert neben dem VCD auch der Lüneburger Verkehrsexperte Professor Dr. Peter Pez. Foto: A/us

Bloß keine „Fahrrad-Autobahn“

Lüneburg. Als „verkehrspolitische Fehlinvestition“ kritisieren der Regionalverband Elbe-Heide des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und Leuphana-Professor Dr. Peter Pez die Pläne zum Bau eines Radschnellweges zwischen Hamburg und Lüneburg. Statt Neubauschneisen für eine „Fahrrad-Autobahn“ in die Landschaft zu schlagen, sei es im ländlichen Raum sinnvoller, vorhandene Wege zu nutzen, erklären die Verkehrsexperten.

Gerade im ländlichen Bereich gebe es bereits eine Vielzahl von Fahrradrouten auf ruhigen Nebenstrecken, die kleinere Orte und Städte mit der großen Hansestadt verbinden, heißt es in einer gemeinsam von Peter Pez und VCD-Mitglied Thilo Clavin herausgegebenen Mitteilung. Bemängelt wird darin auch, dass es für einen derartigen Weg nicht einmal eine zuverlässige Bedarfsprüfung gegeben habe.

Fördermittel führen zu „blindem Aktionismus“

„Wer glaubt denn im Ernst, dass sich Scharen von Pendlern aus dem Lüneburger Raum für den Weg zur Arbeit nach Hamburg allmorgendlich aufs Rad schwingen und dabei – nur für den einfachen Weg – drei Stunden Fahrzeit und mehr in Kauf nehmen?“, fragt Clavin. Geradezu „grotesk“ sei auch der „blinde Aktionismus“ der Metropolregion, „an jedem Bedarf vorbei quasi eine A39 für Radfahrer“ zu errichten, nur weil dafür Fördermittel vom Bund winkten.

Wie berichtet, gibt es Überlegungen für den Bau von acht Radschnellwegen, die sternförmig die Stadt Hamburg mit der Metropolregion verbinden. Eine dieser Routen soll nach Lüneburg führen. Derzeit läuft eine 1,3 Millionen Euro teure Machbarkeitsstudie, die auch Aufschluss über die Wegeführungen der acht Routen geben soll. Erst kürzlich endete dazu eine Online-Beteiligung, bei der Vorschläge für die Trassenführungen abgegeben werden konnten.

Nach Ansicht von VCD und Pez seien Radschnellwege als favorisierte Trassen innerhalb von Ballungsräumen wie im Ruhrgebiet oder in Hamburg und Berlin bis in die Randgemeinden zwar durchaus sinnvoll, weil dort durch Umwidmung bereits vorhandener Straßen und Flächen wertvoller Raum für Radfahrer gewonnen werde – „und das kostengünstig fast ohne Flächenneuversiegelung“.

Vorhandene Wege nutzen und Lücken schließen

Im ländlichen Raum hingegen sei es sinnvoller, die vorhandenen Wege zu nutzen und zu verbessern und gelegentlich einen Lückenschluss vorzunehmen. So könnten auch kleinere Städte angebunden werden, für deren Vernetzung untereinander auch eine bessere Ausschilderung erforderlich sei.

Das Fördergeld in die Beseitigung von Schwachpunkten und Gefahrenstellen im bestehenden Radroutennetz zu investieren, wäre viel „wirksamer als Neubauschneisen von 50 Kilometer Länge und mehr“. Die Kosten und Eingriffe in Natur und Landschaft wären erheblich, der Nutzen geringer als bei der Erschließung und Optimierung der vorhandenen Wegestruktur. „Was innerhalb von Großstadträumen sinnvoll sein kann, darf man nicht eins zu eins auf das Umland übertragen“, warnen die Verkehrsexperten. Sie regen auch an, auf ein Überdenken der Förderrichtlinien zu drängen, um nicht einfach den versprochenen Geldsegen abzuschöpfen.

Von Ulf Stüwe

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