Samstag , 26. September 2020
Feuerwehrleute und Gäste begutachten die neue Drehleiter. Der Koloss kann den Korb auf eine Höhe von 32 Metern ausfahren. Foto: be

Es brennt bei der Feuerwehr

Lüneburg. Zunächst war es eine Jahresversammlung wie viele in der Vergangenheit, doch dann fielen klare Worte. Sein Name wurde nicht genannt, doch gemeint war mit der Kritik der Vorsitzende des Feuerwehrausschusses, Christian-Tobias Gerlach. Es ging um die neue Drehleiter, die die Feuerwehr gerade in Empfang genommen hat (siehe Kasten). Gerlach hatte auf seiner Facebook-Seite notiert, „dass wir somit eine wesentliche Kernforderung aus meinem Kommunalwahlkampf erfolgreich umsetzen konnten“. Das klingt, als habe sein Engagement dazu geführt, dass das 750.000 Euro teure Gefährt angeschafft wurde. Stadtbrandmeister Thorsten Diesterhöft stellte klar: „Das war seit 2013 in der Planung, 2019 sollte es kommen.“ Das Rennen um die Ratsmandate lief 2016: „Das ist kein Wahlkampferfolg.“

Gerlach, der für die CDU im Rat der Stadt sitzt, fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und vorgeführt: „Ich hätte kein Politikum daraus gemacht.“ Seine Anmerkungen habe er nach Gesprächen mit Feuerwehrleuten getätigt.

Diesterhöft ärgert sich über noch etwas. Gerlach schreibt in seinem Beitrag weiter: „Die ‚rote Königin‘ mit wirklich enormen Fähigkeiten ist definitiv ein wichtiger technischer Beitrag für einen leistungsfähigen Sicherheitsdienstleister in unserem Oberzentrum. Ein Wermutstropfen ist lediglich, dass sie in den engen Straßen der Lüneburger Altstadt gut, aber doch nicht ganz so gut ‚zu Fuß‘ sein kann, wie ich es eigentlich angenommen hatte.“ Damit war die zusätzliche Lenkung durch eine Hinterachse gemeint.

Keine technische Kenntnis?

Der Feuerwehrchef konterte: „Es ist befremdlich, dass hier jemand offenbar ohne technische Kenntnis etwas veröffentlicht.“ Die Verantwortlichen hätten sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und sich für das jetzt gewählte Fahrgestell entschieden: Fahrer müssten besonders intensiv geschult werden, um mit dem schweren Gerät durch enge Straßen zu kommen. Die Münchener Berufsfeuerwehr habe drei Hinterachser in den Werkstätten stehen, die „Hecks sind an Hauswänden zerschellt. Hamburg will sie nicht haben, weil sie zu schwer sind“. Denn eine Zuladung sei nur noch begrenzt möglich: „Es gibt dann statt Notstromaggregaten nur eine Kabeltrommel.“ Mit dem jetzt gekauften Modell sei man bei Probefahrten gut durch die enge Altstadt und eine Spitzkehre in der Goseburg gekommen.

Er habe das so ausführlich erklärt, um deutlich zu machen, dass die Führungscrew und Praktiker aus gutem Grund so entschieden haben. In Richtung Politik sagte Diesterhöft: „Ich hoffe, dass wir nun nicht unendliche Nachfragen im Ausschuss bekommen.“ Meral Fischer, Chefin der Ortswehr Mitte, fand noch drastischere Worte, Tenor: „Was hier abläuft, geht über das Maß hinaus. Dieses Motzen will ich nicht mehr hören. Das Stadtkommando entscheidet darüber, wir sind doch keine Deppen.“

Für neue Fahrzeuge der Feuerwehr engagiert

Gerlach selbst ist Polizist und hatte mit einem Studium in Sachen Katastrophenschutz begonnen, er sagt, dass er sich mit der Thematik auskenne und über kompetente Ansprechpartner verfüge. Sein Vorgehen sei mit der CDU-Fraktion abgestimmt. Kurz: Das neue Auto sei gut, hätte aus seiner Sicht aber besser sein können. Zudem habe es Ende 2015 die Aussage der Verwaltung gegeben, dass es eben nicht sicher ist, die neue Drehleiter zu beschaffen. Er habe die Thematik Feuerwehr in seinem Wahlkampf aufgegriffen und als Ratspolitiker Druck gemacht: „Die Feuerwehr wäre bei ihren Fahrzeugen nicht da, wo sie jetzt ist, wenn ich mich nicht so reingehängt hätte.“ Es habe mehrere Neuanschaffungen gegeben: „Mehr als in den Jahren zuvor.“

Wenn andere über sein Vorgehen „befremdet“ seien, könne er nur sagen, auch er sei befremdet: Er habe Diesterhöft geschrieben, dass er aus persönlichen Gründen nicht zur Versammlung kommen könne, sein Grußwort sei nicht verlesen worden, seine Stellvertreterin habe das Wort nicht ergriffen.

In der Wehr gärt es offenbar. Innerhalb der Reihen ist sowohl Kritik an der Führung zu hören, als auch an Gerlach. Moniert wird unter anderem, dass Gerlach nach relativ kurzer Zugehörigkeit in der Wehr ausgetreten ist und „nicht mit anpackt“.

Von Carlo Eggeling

Ein Koloss für eine Dreiviertelmillion

Hilfe für schwere Fälle

Es war eine Inszenierung: Blaulicht, donnernde Musik, ein fallender Vorhang – die Feuerwehr nahm eine 750.000 Euro teure Drehleiter in Empfang. Das Fahrzeug aus den Häusern Mercedes und Magirus hat einen 300-PS-Motor und entspricht der Euro-6-Norm. Die Leiter kann auf eine Höhe von 32 Metern ausgefahren werden, der Rettungskorb ist auf eine Last von 500 Kilo ausgelegt, Patienten mit einem Gewicht von bis zu 240 Kilo können auf einer Schwerlasttrage befördert werden. Kamerasysteme erleichtern das Rangieren. Integriert ist ein Wasserwerfer. Die Lüneburger verfügen über drei Drehleitern, darunter ein Hubmast, der auf bis zu 40 Meter Höhe ausgefahren wird.