Samstag , 24. Oktober 2020
Julia Schrader hat die Bilder zur Ausstellung gestaltet, die jetzt im Lüneburger Johanneum zu sehen ist. Foto: t&w

Mit Kunst gegen Diskriminierung

Lüneburg. Der Mensch ordnet gern in Schubladen ein. Doch nicht alle Menschen lassen sich selbst in Schubladen einordnen. Das fängt schon beim Geschlecht an: Die Zuordnung Mann oder Frau lässt jene unberücksichtigt, die sich weder dem einen noch dem anderen zugehörig fühlen. Auch Menschen, die im Körper eines Jungen geboren wurden, sich aber als Mädchen fühlen oder umgekehrt sind nicht so leicht einzusortieren. Das kann schon mal zu Irritationen führen, zum Beispiel bei der Nutzung öffentlicher Toiletten. Mit Aufklärung möglichen Diskriminierungen vorbeugen – darum bemüht sich nun Lüneburgs erste schulische Queer-Arbeitsgemeinschaft, die sich am Johanneum gebildet hat.

Arbeit gegen Ausgrenzung ist ein wichtiges Anliegen

Zehn Schülerinnen und Schüler arbeiten in der AG mit, die von Lehrer Pascal Mennen betreut wird. Entstanden ist die Gruppe durch die Zusammenarbeit mit dem Verein Schlau, der in Schulen Workshops anbietet zu Themen wie sexueller Orientierung. Und die ist durchaus ein Thema an der Schule, wie Mennen aus Erfahrung weiß: „Es kommen immer mal wieder Schüler, die sich mir anvertrauen.“ Mädchen, die merken, dass sie Mädchen lieben, Jungs, die sich eher zu Jungen hingezogen fühlen. Für ein Outing sei er dann auch schon mal der erste Ansprechpartner, noch vor den jeweiligen Eltern, sagt der Pädagoge. Mit der Queer-AG haben die Schüler nun ein Forum, in dem sie merken, dass es andere gibt, denen es ähnlich ergeht.

Mennen ist die Arbeit gegen Ausgrenzung ein wichtiges Anliegen. „Schwul wird auf deutschen Schulhöfen immer noch als Schimpfwort genutzt, auch hier höre ich das hin und wieder. Ich mache meinen Schülern immer gleich am Anfang klar, dass ich generell vor allem Probleme mit Gruppenbeschimpfungen habe, ob es nun um Schwule oder Behinderte geht.“ Wenn er es dennoch höre, reicht die Bandbreite der Sanktionen von der Ermahnung beim ersten Mal bis hin zu einem Referat, dass der betreffende Schüler dann zum Thema halten muss.

Verein Schlau unterstützt AG-Arbeit am Gymnasium

Der Verein Schlau unterstützt die Arbeit am Johanneum auch finanziell – mit bis zu 2000 Euro. Von dem Geld wurden unter anderem 35 Fachbücher zum Thema für die Schulbibliothek gekauft, die nun zum Beispiel über die Existenz verschiedener geschlechtlicher Identitäten aufklären.

Ein weiteres Projekt, das in der AG entstand, ist in diesen Tagen in der Pausenhalle zu sehen: eine Ausstellung mit Bildern zum Thema Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierung, die allesamt Julia Schrader gestaltet hat. Die Schülerin hat sich dem Thema mit digitalen Kunstwerken genähert. Auf einem ist ein Mann zu sehen, auf dessen Gesicht die bunten Farben der Regenbogenfahne – ein weltweites Symbol der Toleranz und Akzeptanz – einströmen. Das Motiv gibt es auch noch einmal mit einer Frau. Auf anderen, comicartigen Bildern wird nicht deutlich, ob sie zwei Männer oder zwei Frauen zeigen, die einander umarmen.

Sie selbst habe mit ihrer eigenen Orientierung bislang nie schlechte Erfahrungen gemacht. „Meine Freundinnen wissen das von mir seit der 10. Klasse“, sagt Julia. Doch die hätten sich danach nicht anders verhalten als vorher. Abfällige Bemerkungen habe sie auch sonst nicht in der Schule ertragen müssen, auch nicht, als sie mit ihrer damaligen Freundin händchenhaltend in der Pausenhalle saß. „Ich bin da wohl echt ein Positivbeispiel.“ Dass auch andere das von sich sagen können, dafür will sie sich mit ihren Mitstreitern der Queer-AG verstärkt einsetzen.

Von Alexander Hempelmann