Dienstag , 20. Oktober 2020
Greta Thunberg demonstrierte am Freitag mit Tausenden für den Klimaschutz. (Foto: t&w)

Für Greta nach Hamburg

Lüneburg/Hamburg. Exakt eine Minute und dreißig Sekunden dauert Greta Thunbergs Auftritt auf der Bühne vor dem Hamburger Rathaus. Unter lauten „Greta! Greta!“-Sprechchören wird sie von Schülern, Studenten und Aktivisten begrüßt – 3800, wie die Hamburger Polizei schätzt oder gar 10.000, wie die Veranstalter schätzen. „Moin!“ sagt die 16 Jahre alte und mit vielleicht 1,50 Metern überraschend kleine Schwedin, und erntet dafür frenetischen Jubel. Mit der so oft beschriebenen festen Stimme und perfektem Englisch spricht sie daraufhin zu ihren Anhängern. Wie stolz sie auf die Hamburger ist. Dass die Schüler streiken, weil sie ihre Hausaufgaben gemacht haben – im Gegensatz zu den Verantwortlichen. Und, dass sie mit dem Schulstreik so lange weiter machen, bis die Politik sich ändert.

Jeder Satz Thunbergs wird von der Menge gefeiert. Bei so viel Resonanz huscht auch ab und zu ein Lächeln über ihr ansonsten sehr ernsthaftes Gesicht. Später bekommt sie einen Liebesbrief überreicht – 72.650 Unterschriften, eingesammelt über das Internet, bezeugen ihre Popularität. Sie ist die Ikone und Vorbild für die mittlerweile weltweit stattfindenden Schülerproteste gegen die Klimapolitik unter dem Motto „Fridays for Future“. In den letzten Wochen besuchten nach Angaben des Hamburger Abendblattes zwischen 800 und 1000 Schüler die freitäglichen Schulstreiks, doch wenn sich Greta Thunberg persönlich ankündigt, vervielfacht sich die Menge.

Unterstützung von Eltern und Lehrern – in Maßen

Auch die Lüneburger „Fridays for Future“-Bewegung hat sich am Freitag größtenteils nach Hamburg verlagert: Morgens quetschten sich etwa 80 Schüler und Studenten mit ihren Transparenten und Schildern in den Metronom, um rechtzeitig am Gänsemarkt zu sein. Darunter auch Charlotte Steinhauer aus Neu Darchau. Sie besucht die 11. Klasse des Gymnasiums Bleckede. „Mein Wecker hat um 4:45 Uhr geklingelt“, sagt die 16-Jährige. Auf die Straße geht sie aus Überzeugung. „Wir sind die letzte Generation, die noch etwas verändern kann“, sagt sie. Um für den Klimaschutz zu demonstrieren ist sie schon bis nach Berlin gereist, deswegen findet sie es ganz gut, dass in Lüneburg auch regelmäßig größere Aktionen stattfinden – da ist die Anfahrt nicht so lang. „Meine Eltern unterstützen es grundsätzlich, dass ich mich für die Sache einsetze“, sagt Charlotte, doch das darunter die Schule leidet – naja. Entschuldigungen schreiben sie trotzdem, damit sie keine Fehlstunden ins Zeugnis bekommt. Und auch die Schulleitung legt keine allzu großen Steine in den Weg, sagt sie – „Sie findet es ganz gut, aber darf es offiziell nicht unterstützen.“

Die Lüneburger „Fridays for Future“-Aktivisten in Hamburg mit Greta Thunberg. (Foto: Lisa Steinwandel)

Mit im Zug sitzen auch die Leuphana-Studenten Mattes Daugardt und Charlotte Masekowski. Ein schlechtes Schulzeugnis haben sie nicht zu befürchten, dafür geht Zeit in der Bibliothek verloren. Warum sie nach Hamburg fahren? „Weil Greta angekündigt hat, zu kommen“ sagt Daugardt. Er und seine Kommilitonin beteiligen sich an den Demonstationen, um sich mit den Schülern zu solidarisieren. „Für das Thema gehen wir auf die Straße, für Greta fahren wir nach Hamburg“, sagen sie unisono. Denn den erwachenden Kult um die Person Thunbergs sehen die beiden auch kritisch. „Es brauchte sie, damit die Bewegung so groß werden konnte. Doch wird es schwierig, wenn die Person eher im Mittelpunkt steht als das Thema.“

Thunberg von Presse und Fans belagert

Tatsächlich war das Medien-Echo zu Greta Thunbergs Teilnahme an der Hamburger Klima-Demo enorm. Mithilfe einer Menschenkette und teilweise sehr deutlichen Worten versuchten die Ordner, die 16-Jährige vor den Hunderten Fotografen, Kameraleuten, Tontechnikern und Journalisten abzuschirmen. Ebenfalls sehr begehrt für die Demonstranten war ein Selfie mit ihr zu ergattern, nur die wenigsten konnten sich diesen Wunsch erfüllen. Immerhin – als einzige „Fridays for Future“-Ortsgruppe durften die Lüneburger ein Gruppenfoto mit ihr schießen. Wie viel der Rummel um ihre Person Thunberg selbst ausmacht, ist ihrem Gesicht schwer abzulesen. Fest steht: Sie macht weiter.

von Robin Williamson