Dienstag , 20. Oktober 2020
Corinna Heider-Treybig ist Leiterin von "pro familia". Die Einrichtung bietet unter anderem Schwangerschaftsberatung sowie Schwangerschaftskonfliktberatung an. Foto: t&w

„Die Stigmatisierung des Abbruchs bleibt“

Lüneburg. Der Bundestag hat Ende vergangener Woche für die Reform des Paragrafen 219a gestimmt. Demnach dürfen Ärzte anders als bisher künftig – zum Beispiel im Internet – angeben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Für weitere Informationen sind aber weiterhin nur Beratungsstellen befugt, und es soll von der Bundesärztekammer eine Liste mit Medizinern geben, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Massive Kritik an der Novellierung übt die Lüneburger Beratungsstelle pro familia, die darin einen faulen Kompromiss sieht.

Ärzte werden weiterhin kriminalisiert

Auslöser für die Überarbeitung des Paragrafen 219a, der das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche regelt, war das Urteil gegen die Gießener Ärztin Kristina Hänel. Sie war 2017 zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verdonnert worden, weil sie auf ihrer Internetseite über Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs informiert hatte (LZ berichtete).

Corinna Heider-Treybig, Leiterin der Lüneburger Beratungsstelle, sagt: „Wir begrüßen, dass die Notwendigkeit gesehen wurde, den Paragrafen 219a zu ändern und Frauen, die einen Abbruch vornehmen lassen möchten, Informationen zugänglicher gemacht werden.“ Aber das Ergebnis sei enttäuschend. Denn die Reform bringe keine wesentliche Änderung – weder für Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten noch für die Frauen. „Und die Stigmatisierung des Schwangerschaftsabbruchs bleibt.“

Mediziner seien nach wie vor angreifbar, wenn sie zum Beispiel auf ihrer Internetseite nicht nur schreiben, dass sie Abbrüche anbieten, sondern auch dazu informieren, nach welcher Methode und wie diese Methoden aussehen, verdeutlicht Corinna Heider-Treybig. „Das sind aber ganz sachliche und vor allem notwendige Informationen für Frauen, die sich eine Entscheidung in der Regel nicht leicht machen.“ Nicht nachvollziehbar sei, dass Mediziner für etwas kriminalisiert werden, was an anderer Stelle legal ist. Mit Sorge stelle pro familia fest, dass die Angreifbarkeit dazu führe, dass weniger Ärzte bereit seien, Abbrüche vorzunehmen.

Für Frauen habe die Reform zur Folge, dass es keinen barrierefreien Zugang zu Informationen gebe. „Wenn sich jemand für einen Abbruch entschieden hat und sich schon informiert hat, welche Methode – zum Beispiel medikamentöser Abbruch oder chirurgischer Eingriff – individuell in Frage kommt, muss erst mühsam auf einer vielleicht nicht ständig aktualisierten Liste der Bundesärztekammer nachgeschaut werden, wer einen entsprechenden Eingriff vornehmen könnte. Wir würden uns wünschen, dass sich Frauen direkt einen Arzt aussuchen können. Das ist selbstverständlich mit Blick auf das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf freie Information von Frauen.“

Anstieg der Altersgrenze nicht nachvollziehbar

Völlig irritierend sei, dass mit der Reform die Altersgrenze für Frauen, die Anspruch auf von der Krankenkasse bezahlte Verhütungsmittel haben, von 20 auf 22 Jahre gestiegen sei. „Das ist zwar schön, aber die Altersgrenze ist willkürlich gewählt, und wir sehen nicht den Zusammenhang mit dem Paragrafen 219a.“ Die Forderung von pro familia sei nach wie vor, den Paragrafen 219a zu streichen und Verhütungsmittel für Frauen und Männer ohne Altersbegrenzung kostenlos zur Verfügung zu stellen.

von Antje Schäfer

Mehr zur Diskussion um Paragraf 219a:

https://www.landeszeitung.de/m/6703

https://www.landeszeitung.de/m/6704

https://www.landeszeitung.de/m/6705

https://www.landeszeitung.de/m/6706