Freitag , 18. September 2020
Auch Linda Zervakis hat die Erfahrung gemacht, dass die Geschichte von der Familie, die einen alten Diesel in der Garage stehen hat und damit nicht mehr durch die Innenstadt fahren darf, die Ausmaße des VW-Skandals viel deutlicher macht als die reine Nachricht. (Foto: t&w)

Mehr als Käfer und Bäume

Lüneburg. Linda Zervakis hat sich in den Zug gesetzt, um zur Podiumsdiskussion nach Lüneburg zu fahren. Ist sie in der Hamburger Heimat unterwegs, legt sie die meisten Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Und für ihren Sohn und ihre Tochter kauft sie auch gerne mal Second-Hand-Kleidung. „Aber ich bin ganz sicher kein Engel. Wenn ich nach Italien reisen möchte und im Internet einen Flug für 49 Euro finde, muss ich echt überlegen.“ Ebenso erwische sie sich auch immer wieder mal beim Schnäppchenkauf.

Die Tagesschau-Sprecherin sitzt in einem völlig überfüllten Hörsaal, ob es ihr Bekanntheitsgrad oder das Thema ist, über das sie spricht, ist schwer zu sagen. Denn die Leuphana Universität ist ein Ort, an dem Nachhaltigkeit groß geschrieben wird – während in weiten Teilen der Bevölkerung eher Skepsis herrscht. Vielen Menschen ist der Begriff einfach zu schwammig. Sind die Massenmedien in der Verantwortung, das zu ändern? Sollte das Thema Nachhaltigkeit viel stärker kommuniziert werden?

„Wenn ich nach Italien reisen möchte und im Internet einen Flug für 49 Euro finde, muss ich echt überlegen. “ – Linda Zervakis , Tagesschau-Sprecherin

Zervakis macht diese Frage an Themen fest, denn sie hat am Abend nur 15 Minuten Zeit, um die Menschen vor den Fernsehern über das zu informieren, was sich an diesem Tag ereignet hat. „Ein Drittel der Sendung ist sehr politisch und Nachhaltigkeit ist zum Teil ja auch politisch“, sagt sie und nennt den VW-Skandal als Beispiel. „Es ist gut, dass das Thema da ist. Man hat ja das Gefühl, dass die Politik darauf gar nicht reagiert. Beleuchten müssen wir es trotzdem. Denn ich bin mir sicher: Wenn wir das nicht thematisieren, dann geht es irgendwann dem Ende zu.“

Begriff erinnert an eine Werbefloskel

In einem Artikel das Wort „Nachhaltigkeit“ zu verwenden, damit tut sich Martin Schlak schwer. „Ich glaube, das habe ich auch noch nie gemacht. Und das will ich auch nie.“ Der Wissenschaftsjournalist, der für verschiedene Magazine schreibt, verbindet den Begriff mit einer Werbefloskel. „Wenn mir ein Pressesprecher erzählt, dass sich das Unternehmen eine neue nachhaltige Agenda gegeben hat, dann löst das bei mir eine Abwehrhaltung aus. Was versteht man darunter?“

Dr. Paula Bögel kennt die Skepsis. „Viele denken bei Nachhaltigkeit an klassische ökologische Themen, an Käfer und Bäume. Wenn ich aber vor Studenten in Kroatien von Jugendarbeitslosigkeit spreche, können damit alle etwas anfangen“, sagt die Expertin auf dem Gebiet der Nachhaltigkeitskommunikation. Ebenso seien Biodiversität, Erneuerbare Energien, Gesundheit oder soziale Städte nachhaltige Themen. „Wenn man es also so betrachtet, ist jede Nachrichtensendung auch eine Nachhaltigkeitssendung.“

Dass ein Sender wie die ARD über Rundfunkbeiträge finanziert wird, sieht Schlak als großen Vorteil gegenüber Magazinen. „Die müssen sich fragen, wie sie am Kiosk die Leute zum Kaufen animieren“, sagt er und erzählt, dass der Spiegel mit Titeln zu Verschmutzung und Mogelpackungen zum Beispiel 20 000 bis 30 000 Ausgaben weniger als sonst verkauft habe. Dass Verlage stattdessen lieber die sieben neuesten Tipps zum Abnehmen drucken, sei oftmals eine Entscheidung fürs Überleben.

Das Thema braucht Protagonisten

Schlak hält die Konsequenz, Nachhaltigkeit aus dem Journalismus zu verbannen, nicht für richtig. Er wünscht sich, dass Medien nach Möglichkeiten suchen, Geschichten anders zu erzählen. „Das funktioniert mit einer Person und einem tollen Projekt.“ So habe er etwa über einen jungen Niederländer berichtet, der ein System entwickelt hat, das die Weltmeere vom Plastikmüll befreit. „Das hat alles, was wir Journalisten unter einer guten Geschichte verstehen.“ Dabei dürfe aber nicht vergessen werden, dass diese nur einen kleinen Ausschnitt zeige und 95 Prozent der Debatte liegen lasse. „Man ist da ständig in einem Zwiespalt.“

Von Anna Paarmann