Samstag , 31. Oktober 2020
Detlef Gosselk (l.) von der Bürgerstiftung schaut sich zusammen mit Lutz Röding (2.v.l.) und Ludger Bisping (r.) das Altstadtmodell an, das von Künstler Egbert Broeken (2.v.r.) gefertigt wurde. (Foto: t&w)

Bleckede im Miniaturformat

Bleckede. Egbert Broeken hat die Stadt Bleckede geschrumpft: Die Kirche, das Rathaus… Fast die gesamte Altstadt steht vor ihm auf dem Tisch – detailgetreu im Maßstab 1:650. Broeken lächelt zufrieden, Lutz Röding und Ludger Bisping sind begeistert. Natürlich hatten die beiden Vorstände der Bürgerstiftung eine Ahnung davon, wie das Stadtmodell einmal aussehen soll. Doch jetzt sehen sie es zum ersten Mal in der Realität – und bekommen so schon eine sehr genaue Vorstellung von der Plastik, die in einigen Monaten vor allem Menschen mit Sehbehinderung die Stadt zum (Be)Greifen nahe bringen soll.

Auf Fingerkuppen durch die Straßen

Die Idee dazu hatte die Bürgerstiftung Stadt und Schloss Bleckede – und mit der Volksbank, der Sparkasse und der Energieversorgung Dahlenburg-Bleckede AG auch schnell Sponsoren für das Projekt an der Hand. Rund 30 000 Euro kostet das Modell, das – in Zinnbronze gegossen – ein sehr genaues Abbild der Stadt Bleckede darstellen wird. Und Dank der Brailleschrift, die auf dem Modell angebracht wird, können künftig blinde Mitbürger im wahrsten Sinne des Wortes auf Fingerkuppen durch die Straßen spazieren und so die Anordnung der Plätze, Gassen und Häuser ertasten. „Das ist wirklich eine tolle Sache“, findet auch Bleckedes Bürgermeister Jens Böther (CDU). Der Rathauschef hat das Projekt im Städtebauförderprogramm angemeldet – mit Erfolg: „Die Hälfte der Kosten werden aus diesem Programm finanziert“, freut sich Böther.

„Gerne hätten wir auch noch die andere Elbuferseite mit Neu-Bleckede und dem alten Wachturm als Relief abgebildet… “ – Lutz Röding , Bürgerstiftung

Noch steht nur der „Rohling“ aus Styrodur auf dem Tisch im Besprechungsraum des Bleckeder Rathauses – Böther und seine beiden Amtsvorgänger, Ex-Bürgermeister Ludger Bisping und der ehemalige Stadtdirektor Lutz Röding, schauen sich trotzdem jedes Detail sehr genau an: „Gerne hätten wir auch noch die andere Elbuferseite mit Neu-Bleckede und dem alten Wachturm als Relief abgebildet, aber dann wäre das Modell zu groß geworden“, bedauert Röding. Vergessen werden soll die andere Elbuferseite trotzdem nicht: „Wir werden eine Bronzetafel am Modell anbringen. Mit einer Übersichtskarte, die auf den Bleckeder Hafen, das Fährhaus, den Ortsteil Neu Bleckede und den alten Wachturm hinweisen wird“, erklärt der ehemalige Stadtdirektor und jetzige Vorstand der Bürgerstiftung zufrieden.

Weitere Wünsche und Anregungen wird Broeken ebenfalls noch einarbeiten: Der neue Kreisel etwa fehlt auf dem „Prototyp“ noch. „Kein Problem“, sagt der 68 Jahre alte Bildhauer – „der wird noch hinzugefügt.“ Genauso wie einige Häuser, die sich zurzeit im Bau befinden. Und Bäume, Straßen und Gebäudestrukturen wird der Künstler, der in der Nähe von Soest in Westfalen in einem kleinen Renaissance-Wasserschloss lebt – ebenfalls im endgültigen Modell noch sauber herausarbeiten. Gleiches gelte auch für Wasserflächen – im konkreten Fall die Elbe. „Die wird durch eine Wellenstruktur angedeutet“, erklärt Broeken.

Auch Dubai hat Interesse bekundet

Rund 170 Reliefmodelle hat er im Laufe der Jahre gefertigt – selbst in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan – steht eines seiner Werke. Zurzeit führe er Gespräche in Japan. Dort soll die Altstadt von Tokio als Relief abgebildet werden. Und Dubai habe bereits ebenfalls Interesse angemeldet.

„Ich habe das Urheberrecht auf die Herstellung solcher Stadtmodelle“, erklärt der Westfale, der nach eigenem Bekunden eher zufällig auf die Idee gekommen sei, Städte in Miniaturform für Blinde erlebbar zu machen: „In Soest beobachtete ich eine Gruppe Sehbehinderter, die eine Stadtführung mitmachten und denen gerade die Höhe des Doms erklärt wurde“, erinnert sich Broe­ken. Das geht besser, war er sich sicher – die Idee für die Relief-Ansichten war geboren.

Sehr viel Arbeit steckt in jedem einzelnem Modell: Broeken studiert Stadtpläne und Luftbilder, macht selbst unzählige Fotos von jedem Straßenzug und und jedem einzelnen Haus, bevor es ans Modellieren geht. Wichtig ist ihm, die Stadt, die er auf Miniaturgröße bringen will, selbst zu erkunden: „Eine persönliche Beziehung aufbauen“, nennt er das.

Mehrere Tage bei 650 Grad im Ofen

Der Bau des Modells ist Handwerk – seine Arbeiten entstehen im sogenannten Wachsausschmelzverfahren. Das Styrodurmodell wird zunächst in Silikon ausgeformt, eine Haube aus Gips sorgt für die nötige Stabilität. Diese „Negativform wird mit Wachs ausgepinselt, das „Wachspositiv“ entsteht. Das kommt dann, umschlossen von Schamottsteinen, für mehrere Tage bei bis zu 650 Grad Celcius in den Ofen, bis auch der letzte Rest Wachs verbrannt ist. Übrig bleibt die Gussform, in die die flüssige Bronze gegossen wird.

Diese Arbeitsgänge stehen nun in den nächsten Wochen an. Danach findet das fertige Relief seinen endgültigen Platz in Bleckede – natürlich auf einem Podest aus Elbsandstein. Alles andere würde den Mitgliedern der Bleckeder Bürgerstiftung auch nicht gefallen.

Von Klaus Reschke