Freitag , 30. Oktober 2020
Ein Ausschnitt aus dem Appuhnschen Plan von 1802 zeigt die Bebauung an der Johanniskirche. Quelle: Museum

Wie Lüneburgs Straßen um 1800 verliefen

Lüneburg. Für Lüneburger von heute ist klar: Hinter der Bardowicker Mauer benennt den Straßenzug entlang des Walls am Liebesgrund. Um 1800 war das anders. Da tr ug ein Bereich, der heute als Bei der Ratsmühle und Ilmenaustraße bekannt ist, diesen Namen. Den Lösegraben hätten wir vor mehr als zwei Jahrhunderten vergeblich gesucht. Wer auf den Appuhnschen Plan schaut, geht auf eine historische Entdeckungsreise. Der Lüneburg-Chronist und -Kenner Werner Preuß, der auch an der Uni lehrt, hat die alten Skizzen nun in einer Kopie nachdrucken lassen. In kleiner Auflage von 75 Stück – ein Liebhaberstück.

Das Lüneburger Gängeviertel 1895. Quelle: Museum
An der Ilmenaustraße lag das Lüneburger Gänge-Viertel. Eduard Lühr fotografierte dort 1895 Szenen des Stadtlebens. Quelle: Museum

Adolf Brebbermann beschäftigte sich vor Jahrzehnten in den Lüneburger Blättern mit dem Plan. Stadtarchäologe Edgar Ring verweist auf den Beitrag, der diese Geschichte erforschte. „Der große Plan verdankt seine Entstehung dem Projekt der Landesregierung, den alten – heute verschwundenen – Lösegraben zu kanalisieren. Ein dem Ingenieur-Hauptmann Dinglinger erteilter Auftrag zur Beschaffung einer kartographischen Unterlage machte es erforderlich, dass er in seine Vermessungen, bei denen ihm der Ingenieur-Fähnrich Carl Ernst Appuhn behilflich war, Saline, Kalkberg und Michaeliskloster einbezog. Damit wurde es leicht möglich, den Grundriss der Stadt mitzuvermessen. Dem entsprechenden Anerbieten Dinglingers scheint die Stadt gefolgt zu sein, da nun der von Appuhn gezeichnete Plan vorliegt und sicher nicht ohne Honorierung von der Stadt entgegengenommen wurde.“

Historiker beziehen sich häufig auf Apphuns Karten

Über Appuhn selber wissen Preuß und Ring nicht viel. Auf sein Kartenwerk beziehen sich Historiker immer wieder. Denn die Darstellungen sind so detailliert, dass sie beispielsweise Utluchten der Häuser zeigen, das sind Erker mit Fenstern, die wie Guckposten ein wenig vor den Gebäuden standen. Der Werder, wo heute Bergström und die Jahrhunderte alten Mühlen die Szenerie beherrschen, war eine Insel und anders bebaut. Die mächtigen, lange abgerissenen Stadttore wachten wie Türsteher und kontrollierten, wer hineinkam.

Zurück zur heutigen Ilmenaustraße. Dort lag Lüneburgs Gänge-Viertel. Das schräg stehende Häuschen hinter dem Hotel Rote-Rosen-Treff, ehemals Altenbrücker Tor und Zur Eisenbahn, soll eine der letzten Erinnerungen an vergangene Zeiten sein. Einen Eindruck, wie es dort bis zur Jahrhundertwende zuging, zeigt eine Fotografie Eduard Lührs aus dem Jahr 1895: windschiefe Katen, in den sicher nicht der Reichtum zu Hause war.

In ihrer Denkmaltopographie schreibt Doris Böker, dass sich der Straßenzug eben in jenen Jahren veränderte: Damals machten Arbeiter den Stau, der die Mahlwerke der Abtsmühle antrieb, schmaler; zudem wurden die von der Conventstraße an zum Berge hin liegenden üppigen Grundstücke abgeteilt, neue Gebäude entstanden, so die Eckhäuser an der Ilmenaustraße 1 und 2, die anders als andere bis heute das Viertel mitprägen.

Original ist durch falschen Standort längst verblichen

Preuß hatte den Appuhnschen Plan für andere Buchprojekte genutzt. So kam er auf die Idee, ihn als Kunstdruck aufzulegen. Als Vorlage diente ihm nicht mehr das Original: „Das hing im Museum gegenüber einem Fenster und ist verblichen.“ Preuß nutzte das von Stadtarchivar Wilhelm Reinecke 1914 herausgegebene Standardwerk „Straßennamen der Stadt Lüneburg“, dem eine Kopie des Kartenwerks beigelegt war. Die ließ der Wissenschaftler einscannen und drucken. Und nun lädt er andere Lüneburger zu einer Zeitreise ein.

Der Plan ist unter anderem über Preuß‘ Verlag „Almáriom“ (Email: verlag@almariom.de) und das Museum Lüneburg zum Preis von 25 Euro zu beziehen.

von Carlo Eggeling